Am 23. März 2026 fand am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung das Symposium „Klimaschutz im Deutschlandtourismus“ statt. Die PIK-Forscher:innen Fabio Ascione, Benedikt Bruckner und Theresa Pudzich präsentierten die Ergebnisse des NKI-Projekts "Konzeption und Pilotierung eines Treibhausgasinventars für die deutsche Tourismuswirtschaft", in dessen Rahmen ein branchenweites Treibhausgasinventar (THG-Inventar) entwickelt wurde.
Der Einladung folgten Vertreter:innen aus Verbänden, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, um mit den Forscher:innen in zwei Podiumsdiskussionen über die Zukunft, Chancen und Herausforderungen der Treibhausgasberichterstattung sowie über Wege und Irrwege des Klimaschutzes in der Branche zu diskutieren.
Das PIK zieht Bilanz: zentrale Ergebnisse rund um das THG-Inventar Tourismus
Das THG-Inventar Tourismus berechnet die Treibhausgasemissionen der gesamten Branche - auf nationaler und regionaler Ebene. Erstmals wurden diese Berechnungen im Einklang mit dem deutschen Klimaschutzgesetz (KSG) durchgeführt, was einen direkten Vergleich mit dem nationalen THG-Inventar und anderen Sektoren ermöglicht und eine wichtige Grundlage für klimapolitische Entscheidungen schafft.
Touristische Unternehmen in Deutschland verursachen zwischen 15 und 23 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr - rund 3 % der nationalen Emissionen. Die Emissionen entstehen vor allem in den Bereichen Energiewirtschaft, Gebäude und Verkehr. Der touristische Wirtschaftszweig mit den höchsten Emissionen ist die Gastronomie.
Dabei fehlt noch der sprichwörtliche Elefant im Raum: der private Reiseverkehr. Denn An- und Abreisen werden in nationalen Klimabilanzen nicht den Wirtschaftszweigen, sondern den Haushalten zugerechnet. Allein die private PKW-An- und Abreisen machen mehr als 5 % der deutschen Emissionen aus. Zusätzlich sind die Emissionen aus dem internationalen Luftverkehr – die in den nationalen Bilanzen zwar berechnet, aber keinem Land direkt angerechnet werden – etwa so hoch wie 3,5 % der deutschen Emissionen.
Die Ergebnisse für 97 touristische Unternehmen und Hochrechnungen für fünf Pilotdestinationen (Nordeifel, Kinzigtal, Bremerhaven, Herzogtum Lauenburg) bestätigen den nationalen Trend - zeigen aber auch große Unterschiede auf. Die Emissionen variieren stark je nach regionalem Energiemix, der von Heizöl und Erdgas, zu Biomasse und in manchen Regionen nennenswerten geothermischen Quellen reicht. Allen gemeinsam ist der Bedarf an weiteren dekarbonisierten Heizsystemen. Dies erklärt, warum der Gebäudesektor, ebenso wie der Verkehrssektor, auch auf nationaler Ebene seine Klimaziele verfehlt, wie die PIK-Berechnungen belegen.
Die deutsche Klimabilanz erfasst keine Emissionen aus internationalen Lieferketten – dabei entstehen genau dort erhebliche Mengen für touristische Leistungen. Das PIK berechnet deshalb ergänzend einen THG-Fußabdruck des Tourismus, der alle Emissionen entlang der Vorleistungsketten einschließt. Das Ergebnis: knapp über 10 % der nachfrageseitig verursachten Emissionen – vergleichbar mit großen Industriezweigen.
Die PIK-Wissenschaftler:innen empfehlen, nicht nur bei Verbraucher:innen anzusetzen. Politik, Angebotsseite und Infrastrukturtragende müssen gemeinsam handeln. Individuelle Entscheidungen sind wichtig, aber nicht ausreichend. Die größten Hebel für die Reduktion von Treibhausgasen im Tourismus liegen im Strommix, in Gebäuden und in der Mobilität.
Zwischen Präzision und Praxis: Einblicke in die Daten-Debatte
Die erste Paneldiskussion im Fishbowl-Format beleuchtete zentrale methodische Fragen der Klimabilanzierung für den Tourismus – aus Wissenschaft und Praxis gleichermaßen. Ein Ziel verbindet dabei alle Beteiligten: mehr Transparenz über die tatsächlichen Emissionen, von der statistischen Erfassung auf Makroebene bis hin zu einzelnen Unternehmen und Reiseentscheidungen. Der Weg dorthin ist allerdings alles andere als geradlinig.
Im Panel trafen unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Wirtschaftsvertreter:innen betonten die Bedeutung praktischer Umsetzbarkeit, während statistische Ämter und die Wissenschaft bessere Datenverfügbarkeit sowie international harmonisierte und präzisere Statistiken einforderten. Im Rahmen eines gemeinsamen Initiativenbündels – in dem private Akteure, NGOs und wissenschaftliche Initiativen wie das PIK sich regelmäßig zur Treibhausgasberechnung im Tourismus austauschen – zeigte sich: Eine vollständige Standardisierung bleibt schwierig, weil die Berechnungsziele unterschiedlich sind. Trotzdem ist der kontinuierliche Dialog unverzichtbar, um gegenseitiges Verständnis zu entwickeln, Datenlücken zu identifizieren und die Vergleichbarkeit dort zu verbessern, wo es möglich ist.

Interessant war auch der Blick auf neue Technologien: Die Rolle von KI bei der Emissionsberechnung wurde im Panel deutlich nüchterner eingeschätzt, als der aktuelle Hype vermuten lässt. Da Berechnungsmethoden bereits weitgehend standardisiert und automatisiert sind, sehen die Expert:innen hier keinen entscheidenden Hebel. Drängender sind Fragen der Datensouveränität. Wirtschaftsvertreter:innen warnten vor zentraler Datensammlung privater Akteure – mit Blick auf die Sensibilität unternehmerischer Daten und das Risiko eines unkontrollierten Weiterverkaufs an große Buchungsplattformen. Statistische Ämter und Wissenschaft sehen hier Potenzial für die öffentliche Hand: datenschutzkonforme, vertrauliche und granulare Daten für den Dienstleistungssektor – und den Tourismus im Besonderen – bereitzustellen.
Eines wurde im Panel auch deutlich: Klimatransformation ist längst keine Imagefrage mehr, sondern ökonomische Notwendigkeit. Preisschocks bei Öl und Gas zeigen, dass eine solide Datenbasis auch als Frühwarnsystem für wirtschaftliche Resilienz dienen kann. Umso wichtiger ist es, Initiativen wie das THG-Inventar Tourismus trotz politischer Verwerfungen dauerhaft zu verankern.
Wege und Irrwege des Klimaschutzes im Tourismus
Die zweite Fishbowl-Diskussion widmete sich dem Klimaschutz im Tourismus in Zeiten politischer Umbrüche. Die Botschaft der Diskutant:innen war klar: Gerade jetzt, wo Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der politischen Debatte Zuspruch verlieren, darf das Ziel nicht aus dem Blick geraten. Die Weiterführung zentraler Initiativen – wie die Berechnung und Kommunikation von THG-Emissionen im Tourismus – bleibt dabei unverzichtbar.
Denn Tourismus ist nicht nur Emittent, sondern auch Leidtragender der Klimakrise. Gerade in Deutschland ist intakte Natur ein wichtiger Anziehungsfaktor für Reisende. Im Panel wurde daher eine Kombination aus Klimaschutz und Naturschutz im Tourismus vorschlagen, auch um Emissionssenken wie Wälder und Moore zu unterstützen. Gleichzeitig kann eine Stärkung der Destination Deutschland dazu beitragen, Reisen innerhalb des Landes attraktiver zu machen: Wenn die Gäste ohne Flug und längere Autofahrten auskommen, können THG-Emissionen deutlich reduziert werden.
Bei der Mobilität der Reisenden soll nach Ansicht des Panels auf Technologien gesetzt werden, die sich leichter dekarbonisieren lassen – allen voran die Bahn. Komplizierte Buchungsprozesse und Unzuverlässigkeit schrecken jedoch noch zu viele Menschen ab. Neben einer verlässlichen Bahninfrastruktur braucht es deshalb auch mehr internationale Zusammenarbeit auf EU-Ebene, um grenzüberschreitende Zugverbindungen auszubauen und buchungsfreundlicher zu gestalten.
Der Flugverkehr steht dem gegenüber vor einem grundlegenden Problem: Er lässt sich, anders als die Bahn, kaum dekarbonisieren. Alternativen zu fossilen Flugtreibstoffen sind noch nicht in ausreichendem Maß verfügbar – und Flugzeuge stoßen neben CO₂ weitere Abgase aus, die das Klima zusätzlich erwärmen. Als Reaktion darauf werden gerade hier vermehrt freiwillige Kompensationen angeboten, die auf Projekten basieren, die andernorts Emissionen einsparen oder Treibhausgase aus der Atmosphäre aufnehmen sollen. Allerdings haben Recherchen der letzten Jahre erhebliche Mängel aufgedeckt: Fehlende Mindeststandards führen dazu, dass viele Projekte ihre Ziele verfehlen – und Kompensationen damit wirkungslos bleiben.
Letztendlich bleibt Klimaschutz im Tourismus für die Expert:innen auch eine Frage der Kommunikation. Unternehmen müssen überzeugt werden, dass Nachhaltigkeit kein Widerspruch zum Geschäftsmodell ist. Und Tourist:innen brauchen Motivation – für nachhaltigere Reiseentscheidungen, aber vielleicht auch, um das eine oder andere Projekt zur THG-Reduktion in ihrer Lieblingsdestination aktiv zu unterstützen. Beides zusammen, so die Überzeugung im Panel, ist keine Utopie – aber es braucht den Willen, es anzugehen.


Projektleitung:
Helga Weisz
Projektassistenz:
Karo Born