So geht gerechter Klimaschutz: Der Befund für 88 Länder mit 5 Milliarden Menschen

24.06.2026 – Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) beleuchtet jetzt erstmals für einen Großteil der Welt die CO₂-Intensität des Konsums privater Haushalte – und damit die Verteilungswirkung von Klimapolitik, die ja CO₂ verteuert. Die größten Unterschiede gibt es nicht zwischen Arm und Reich, sondern innerhalb der Einkommensgruppen: Entscheidend sind etwa Autobesitz, Wohnort und Energienutzung. Die Studie gibt Orientierung, um den Kampf gegen die Erderhitzung sozial auszubalancieren. Sie ist publiziert im Journal of Environmental Economics and Management (JEEM). Dazu gibt es einen interaktiven CO₂-Preis-Rechner im Internet.
So geht gerechter Klimaschutz: Der Befund für 88 Länder mit 5 Milliarden Menschen
Tuareg-Nomade in Niger: Die Studie zeigt, dass Motorrad-Besitz hier ein wichtiges Kriterium für Unterschiedlichkeit ist. Foto: Shutterstock/Tsvetkova

„Die Unsicherheit bezüglich der sozialen Folgen von Klimapolitik ist für viele Regierungen rund um den Globus ein Problem“, sagt Leonard Missbach, PIK-Forscher und Leitautor der Studie. „Sie wissen nicht, wie sich die Kosten der Maßnahmen auf ihre Bevölkerung verteilt und wie sie diese Lasten so kompensieren können, dass die politische Akzeptanz gesichert ist. Deshalb haben wir uns das genau angeschaut: mit Hilfe eines neuartigen großen Datensatzes und unter Einsatz von maschinellem Lernen.“

Der Datensatz basiert zum einen auf nationalen Umfragen, in denen insgesamt 1,7 Millionen repräsentativ ausgewählte private Haushalte anonym ihre Ausgaben auflisten. Sie bilden die Lebensrealität in 88 Ländern mit 5 Milliarden Menschen ab. Zum anderen enthält der Datensatz die Information, wie viel CO₂ den einzelnen Ausgabenposten zugeordnet werden kann – sowohl direkt, etwa bei Sprit und Heizöl, als auch indirekt bei allen anderen Ausgaben.

Mithilfe dieser bislang beispiellosen Sammlung von individuellen „CO₂-Fußabdrücken“ analysiert das PIK-Forschungsteam nun, wer genau von Klimaschutzmaßnahmen betroffen wäre. Dabei schaut es auf Unterschiede in Bezug auf die Mehrbelastung durch Klimapolitik relativ zum Einkommen. Je größer die Unterschiede zwischen Haushalten in einem Land, desto mehr besonders belastete Härtefälle, und desto schwieriger wird die Kompensation.

Manche gut gemeinte Kompensation kann die Ungleichheit sogar verstärken

Eine Erkenntnis lautet: In allen 88 betrachteten Ländern ist der Belastungsunterschied zwischen Arm und Reich, auf die die Politik bislang beim sozialen Ausbalancieren vor allem schaut, deutlich geringer als der Unterschied innerhalb der Einkommensgruppen. Ausgleich mit dem traditionellen Ansatz, etwa gestaffelte Transfers oder Steuernachlässe, hilft also vielen Härtefällen weniger als gedacht, kann die Ungleichheit der Auswirkungen sogar verstärken.

Mit Hilfe maschinellen Lernens geht die Studie der Unterschiedlichkeit auf den Grund. Wichtige weitere Ansatzpunkte sind demnach (1) der Besitz von Autos und Motorrädern, (2) räumliche Aspekte wie Stadt/Land oder eine bestimmte Region sowie (3) die Energienutzung, etwa der Energieträger zum Kochen, Beleuchten und Heizen, Anschluss ans Stromnetz und Nutzung größerer Haushaltsgeräte. Aber nicht alle Ansatzpunkte sind überall gleich wichtig. Zum Beispiel ist der Motorrad-Besitz in Niger, Burkina Faso und Togo ein wichtiges Haushaltsmerkmal, das die relative stärkere Belastung durch Klimapolitik erklären hilft.

Unterschiede zwischen Haushalten in Lettland, Schweden und Tschechien werden besonders gut durch das Stadt-Land Gefälle erklärt. Die Frage des Energieträgers zum Kochen ist besonders relevant in Nicaragua und Indien, die Haushaltsgeräte-Nutzung in der Schweiz und auf den Philippinen. Es gibt aber auch viele Länder, in denen anhand von gängigen Merkmalen die Unterschiede in der Belastung nicht erklärt werden können. Hier sind Optionen für zielgenaue Kompensation noch nicht in Sicht, es gibt weiteren Forschungsbedarf.

Möglichkeiten für länderübergreifenden Erfahrungsaustausch

Um die Vielfalt der Erkenntnisse greifbar zu machen, bildet das Forschungsteam schließlich zehn Cluster von Ländern, in denen sich die Verteilung der CO₂-Intensität des Konsums ähnlich erklären lässt. Das dient nicht zuletzt dazu, Möglichkeiten für den länderübergreifenden Erfahrungsaustausch bei der Politikgestaltung aufzuzeigen.

„Wir geben bewusst keine Empfehlung für konkrete Politik in einzelnen Ländern“, betont Jan Steckel, PIK-Forscher und Co-Autor der Studie. „Darüber zu entscheiden ist ja Sache der Regierung. Unsere Arbeit gibt für den sozialen Ausgleich Orientierung und hilft auch nichtstaatlichen Akteuren zu verstehen, wie Politikmaßnahmen wirken. Prinzipiell gilt natürlich: CO₂-Emissionen bepreisen oder Subventionen für fossile Brennstoffe abbauen schafft zusätzliche Staatseinnahmen, anders als zum Beispiel Ge- und Verbote oder Grenzwerte, und macht damit sozialen Ausgleich leichter umsetzbar.“

Die Veröffentlichung ist auch Grundlage eines englischsprachigen Onlinetools, den das Forschungsteam gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit im Internet realisiert hat (https://cpic-global.net/). Mithilfe des „Carbon Pricing Incidence Calculators“ kann man für alle 88 Länder die Verteilungswirkungen von Klimapolitik und sozialen Ausgleichsmaßnahmen ermitteln und auch berechnen, wie man selbst betroffen wäre. Dazu gibt es auch ein Video (https://youtu.be/8MjQ8gyK-4Q).

Article:

Missbach, L., Steckel, J., (2026): The heterogeneous effects of climate policy on households: Evidence from 88 countries. – Journal of Environmental Economics and Management (JEEM). [DOI: 10.1016/j.jeem.2026.103382]

Kontakt:

PIK-Pressestelle
Telefon: +49 (0)331 288 2507
E-Mail: press@pik-potsdam.de
Web: https://www.pik-potsdam.de/de
Social Media: https://www.pik-potsdam.de/social