Das Forschungsteam stützt sich auf repräsentative Erhebungen zu den Ausgaben der privaten Haushalte in den 27 EU-Staaten und auf ein etabliertes Input-Output-Modell. Dieses bildet die Wertschöpfungsketten ab, in denen die von den Haushalten gekauften Produkte entstehen, und beziffert auch die damit einhergehenden Belastungen für Klima und Ökosysteme. Durch die empirische Analyse der Konsummuster kann das Team auch Aussagen für Politik-Szenarien machen – in denen der Staat marktwirtschaftlich eingreift, um die Umweltbelastungen besser in den Produktpreisen abzubilden und dadurch zu reduzieren.
„Aus ökonomischer Perspektive sollte man je nach Produkt die Umweltkosten, die bei der Herstellung entstehen, auf den Preis aufschlagen“, erklärt Charlotte Plinke, PIK-Forscherin und Autorin der Studie. „Das hieße, es wird umso teurer, je mehr CO₂ ausgestoßen wird. Eine solche Staffelung für die ungeheure Vielzahl von Nahrungsmitteln umzusetzen, ist sehr komplex und daher zumindest kurzfristig nicht praktikabel. Deshalb haben wir zunächst eine einfache und aktuell politisch diskutierte Variante untersucht: die Steuervergünstigungen auf Fleischprodukte aufzuheben.“
Fast alle EU-Staaten bevorteilen den Fleischkonsum
Bei dieser einfachen Variante geht es um die Mehrwertsteuer: Für im Laden gekaufte Lebensmittel gilt hier oft generell ein ermäßigter Satz, etwa in Deutschland 7 statt 19 Prozent. Im Jahr 2023 war in 22 der 27 EU-Staaten – im Vergleich zum normalen Satz – auch der Fleischkonsum steuerlich bevorteilt, der am Fußabdruck der Ernährung einen beträchtlichen Anteil hat, zum Beispiel bei den Treibhausgasen 28 Prozent.
In der Modellrechnung zeigt sich: Wenn man die empirisch geschätzten Anpassungsreaktionen der privaten Haushalte berücksichtigt und wenn Fleisch dem normalen Mehrwertsteuersatz unterliegt, dann reduzieren sich die Umweltschäden durch Ernährung je nach Schadenskategorie um 3,48 bis 5,7 Prozent. Die durchschnittlichen Ernährungsausgaben je EU-Haushalt und Jahr liegen um 109 Euro höher. Und dagegen stehen Steuermehreinnahmen von 83 Euro je Haushalt – aus denen sich im Prinzip, etwa in Form einer Pro-Kopf-Zahlung, ein sozialer Ausgleich finanzieren ließe. Die Netto-Kosten würden dann also nur noch 26 Euro pro Haushalt und Jahr betragen.
Reformvorschlag entspricht einem CO₂-Preis von 52 Euro
In einem zweiten Schritt rechnet das Forschungsteam ein Szenario durch, in dem der Staat das ökonomisch konsequente Preissignal setzt: eine differenzierte Umweltsteuer auf Nahrungsmittel, und zwar ausgerichtet an dem mit der jeweiligen Produktion einhergehenden Treibhausgas-Ausstoß. Hier zeigt sich in der Modellrechnung: Ein genereller Preisaufschlag von etwa 52 Euro je Tonne CO₂-Äquivalent würde genauso viel ernährungsbedingte Treibhausgase vermeiden helfen wie das Ende der Mehrwertsteuer-Vergünstigung auf Fleisch. Zum Vergleich: Der CO₂-Preis für Sprit und Heizen in Deutschland, der 2028 in eine EU-weite Bepreisung übergeht, liegt aktuell bei 55 Euro je Tonne.
„Ein derart umfassendes Preissignal würde die übrigen Umweltbelastungen, jenseits der Treibhausgase, noch etwas stärker reduzieren als das selektive Mehrwertsteuer-Preissignal bei Fleisch“, erläutert PIK-Forscher Michael Sureth, ein Autor der Studie. „Und vor allem lässt sich das umfassende Preissignal im Laufe der Zeit so verstärken, dass die Politik den Problemen, etwa der Klima- und Biodiversitätskrise, wirklich gerecht wird. Flankiert werden muss das natürlich über einen entsprechend starken sozialen Ausgleich durch Rückerstattung der Einnahmen. Die Netto-Kosten einer solchen differenzierten Umweltsteuer fallen dann auf 12 Euro pro Haushalt und Jahr. Das wird ein schwieriges, langfristiges Projekt, deshalb beschreibt unsere Studie auch die Option für einen schnellen ersten Schritt.“
Artikel:
Plinke, C., Sureth, M., Kalkuhl, M. (2026): Environmental impacts from European food consumption can be reduced with carbon pricing or a value-added tax reform. Nature Food. [DOI: 10.1038/s43016-025-01284-y]
Weblink zum Artikel:
https://www.nature.com/articles/s43016-025-01284-y
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