Eine Weltkarte der Klimapolitik: Wer gewinnt am meisten?

15.10.2026 – Länder, die durch den Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle stark benachteiligt sind, stellen nur 6 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, Länder in Afrika können von ihrem enormen Solarenergie-Potenzial profitieren, und auf die wirtschaftlichen Interessen der USA, Europas und Chinas wirkt sich Klimapolitik auf überraschend ähnliche Weise aus. Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in Nature Sustainability zeigt jetzt für 169 Staaten der Erde, wie der Kampf gegen die Erderhitzung auf Vermögenswerte wirkt. Und welche geopolitischen Herausforderungen und Chancen sich daraus ableiten.
Eine Weltkarte der Klimapolitik:  Wer gewinnt am meisten?
Fünf Cluster: Länder können verlieren (orange), stark gewinnen (lila, rosa, grün) oder vergleichsweise moderate Auswirkungen erleben (blau). Bild: Image: Pan et al, Nature Sustainability

Der von dem Forschungsteam zusammengetragene beispiellos umfassende Datensatz zeigt, wie Klimapolitik auf vierfache Weise die nationalen Vermögenswerte beeinflusst: (1) Sie verringert die Nachfrage nach fossilen Energien und schmälert tendenziell Einnahmen aus Öl, Gas und Kohle; (2) sie verringert klimabedingte Schäden für die Volkswirtschaft; (3) sie macht die Entwicklung von Solar- und Windenergie lukrativ; und (4) sie erhöht den Wert der Kapazitäten eines Landes, CO₂ aus der Atmosphäre aufzunehmen und zu speichern – sei es „natürlich“ über Wälder oder „gemanagt“ über die Bewirtschaftung von Naturflächen.

„Auf Basis unserer Daten-Analyse können können wir aufzeigen, wie Länder aufgrund der verschiedenen Aspekte der Dekarbonisierung bis zum Ende dieses Jahrhunderts gewinnen oder verlieren könnten, je nach Ambitionsniveau der Klimapolitik“, berichtet Guanna Pan, PIK-Forscherin und Leitautorin der Studie. „Wir erkunden geopolitische Spannungen, die sich daraus ergeben können, dass einige Länder Verluste erleiden. Aber wir zeigen auch, wie nationale Interessenlagen internationale Zusammenarbeit begünstigen – und wie sich diese durch gezielte Anreize weiter stärken lässt.“

Fünf Ländergruppen mit ähnlichen Interessenlagen

Um die absehbaren ökonomischen Gewinne und Verluste länderübergreifend besser zu verstehen, identifizierte das Forschungsteam Cluster – also Gruppen von Staaten, in denen die Klimapolitik ähnliche Chancen und Risiken erzeugt, also potenziell gemeinsame Interessen. Potenziell abgeneigt gegen ambitionierte Maßnahmen sind demnach 19 von fossilen Brennstoffen abhängige Länder. Ausgeprägtes Interesse an einer schnellen Klimawende haben dagegen 51 Länder im globalen Süden, bei denen andernfalls die Klimaschäden besonders groß werden. Auch 13 Länder „mit hohem Potenzial für erneuerbare Energien“, in der Mehrzahl in Afrika und 17 Länder „mit hoher Kohlenstoffbindungskapazität“ sind beim Kampf gegen die Erderhitzung naturgemäß für Tempo.

Allerdings vereinen diese vier Cluster nicht allzu viel politisches Gewicht: Die Gruppe der Öl-, Gas- und Kohle-Länder hat nur 6 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, und die drei Ländergruppen mit potenziell besonders ausgeprägten Vermögensvorteilen durch Klimaschutz haben zusammengenommen nur 13 Prozent. Die übrigen 81 Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen auf das fünfte Cluster – die 69 „Volkswirtschaften mit moderaten Auswirkungen“ –, darunter die EU, China und auch die USA. In diesem Cluster sind die ökonomischen Vorteile durch Klimapolitik zwar absolut gesehen in vielen Fällen beträchtlich, insbesondere durch vermiedene Klimaschäden. Aber prozentual gerechnet sind sie nicht so groß wie bei den drei Clustern mit den ausgeprägten Gewinnern.

Klimapolitik sichert den langfristigen Wohlstand ab

Zusammenfassend hält das Forschungsteam fest: Die Menschheit insgesamt muss ein kollektives Interesse an Klimaschutz haben, doch die je nach Land unterschiedlichen Gewinne und Verluste sind ein Problem, das man genau verstehen sollte. Die Studie liefert die nötige Orientierung und schließt mit der Empfehlung, bei auseinanderliegenden Interessenlagen die Klima-Kooperation mit „Paketdeals“ zu stärken. Das bedeutet, zögerlichen Ländern Zugeständnisse beim Klimaschutz mit Zusicherungen bei Handel oder bei Forschung und Entwicklung zu koppeln. Oder auch Vermögensnachteile einfach mit Finanztransfers auszugleichen.

„Mit Blick auf den aktuell wieder stärkeren Gegenwind gegen eine engagierte Klimapolitik ist die Erkenntnis wichtig, dass Klimapolitik nicht nur bestimmtes Vermögen entwertet, nämlich das der Anbieter von fossilen Energieträgern“, betont Ottmar Edenhofer, PIK-Direktor und ein Co-Autor. „Diese Studie zeigt auch recht präzise, wie zugleich neue Vermögenswerte aufgebaut werden. Insgesamt wird durch Klimapolitik der Kapitalstock der Volkswirtschaften neu und nachhaltig bewertet und dadurch der langfristige Wohlstand abgesichert.“

Artikel:

Pan, G., Kornek, U., Gong, C., Bacca, E., Luderer, G., Edenhofer, O., (2026): Quantifying assets for the geopolitics of climate change mitigation. – Nature Sustainability. [DOI: 10.1038/s41893-026-01971-z]

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