Risikotransfer: Versicherungslösungen

 

Millionen von kleinbäuerlichen Betrieben auf der ganzen Welt leiden unter Ernteausfällen aufgrund von Wetterereignissen, die einerseits in ihrer Heftigkeit zunehmen, andererseits von immer größeren Schwankungen bestimmt sind. So haben beispielsweise in Indien die zeitliche Verschiebung des Monsuns und die extremen Dürren – zuletzt im Jahr 2015 – bei Millionen von Kleinbauern zu Ertragsverlusten geführt. Auch der El Niño führte im Erntejahr 2015/2016 zu verheerenden Dürren in Ostafrika, die 24 Millionen Menschen in Nahrungsunsicherheit brachten. Obwohl das Risikomanagement eine wichtige Rolle beim Aufbau von Klimaresilienz in der Landwirtschaft spielt, können nicht alle Risiken durch Anpassungsmaßnahmen gemindert werden. Für die verbleibenden Risiken sind innovative Risikotransfermechanismen erforderlich. Die IPCC AR5, die G20-Führungskräfte und die letzten Klimakonferenzen (COP21-24) haben sich mit Versicherungen befasst, die ein großes Potenzial haben, ebendiese Lücke zu schließen. Intakte Versicherungssysteme würden bedeuten, dass den Landwirten ihre Verluste erstattet würden, sodass ihr Einkommen stabil bleibt und sie in entsprechende Bewirtschaftungsmaßnahmen investieren können, was die Resilienz gegenüber Klimarisiken erhöht.  Die Verbreitung von landwirtschaftlichen Versicherungssystemen wird in ihrer jetzigen Form durch unsichere und unzuverlässige Einschätzungen von Ertragsausfällen behindert. Wenn wetterbedingte Ertragsausfälle genauer bewertet würden, könnten Versicherungssysteme für Versicherungsgesellschaften operativer, für Regierungen kostengünstiger und für Kleinbauern einfacher zugänglich werden.

Eines der größten Probleme für kleinbäuerliche Ernteversicherungen in Entwicklunngsländern ist das Fehlen von Methoden, die eine Beurteilung von wetterbedingten Ernteausfällen aus der Ferne erlauben. Mancherorts existieren bereits Lösungen, z.B. in Indien oder Kenia. Jedoch findet die Beurteilung aufgrund von fehlender Fernbeurteilungsmethoden häufig in Form von Feldbesuchen statt, sodass kleinbäuerliche Ernteversicherungen in vielen Fällen sehr kostspielig sind.

Am Beispiel von Ostafrika lassen sich drei zentrale Herausforderungen identifizieren, die zum mangelhaften Zustand aktueller Fernbeurteilungsmethoden beitragen:

  1. Die kleinbäuerlichen Betriebe sind in der Regel sehr klein und liegen im Durchschnitt bei einer Fläche von 1,6 ha pro Betrieb (Stand 2013). Im Vergleich dazu beträgt die durchschnittliche Fläche pro Betrieb in Deutschland 55,8 ha (Stand 2010) und 234 Ha in US-amerkanischen "Corn Belt" [1] Daher erfordert die genaue Abbildung von Ernteausfällen aus der Ferne wissenschaftliche Innovationen.
  2. Durchschnittlich 75% der Bevölkerung in Ostafrika ist in der Landwirtschaft beschäftigt. Ein großer Teil dieser Menschen lebt jedoch in dehr abgelegenen Gebieten. Dadurch ergibt sich eine große Anzahl von landwirtschaftlichen Betrieben, die bei einem Ernteausfall einzeln besucht und beurteilt werden müssen, was aufgrund der großen Entfernung nicht praktikabel wäre.
  3. Sowohl historische Daten zu Ernteerträgen als auch Wetterdaten sind knapp, schwer zugänglich und oft fehlerhaft. Dies erschwert eine vergleichende Beurteilung von Versicherungsrenditen im Zeitverlauf.

Wir arbeiten aktuell an einem ferngesteuerten Tool zur Beurteilung von Ernteausfällen, das darauf abzielt, die oben beschriebenen Herausforderungen zu bewältigen. Unsere Analyse basiert auf der kontinuierlichen Entwicklung und Implementierung des AMPLIFY-Modells (AMPLIFY: Agricultural Model for Production Loss Identification to Insure Failures of Yields). AMPLIFY ermöglicht es, mehrere Datenquellen und Modelle miteinander zu kombinieren: Das Tool nutzt historische Wetter- und Ertragsdaten sowie Fernerkundungsinformationen aus verschiedenen statistischen und prozessbasierten Modellen, um Ernteerträge und mögliche Ernteverluste auf Feld- und Bezirksebene zu beurteilen. Damit kann auch zwischen wetterbedingten und nicht wetterbedingten Ertragsausfallrisiken unterschieden werden. Zu nicht wetterbedingten Ertragsausfallrisiken gehören z.B. Managemententscheidungen oder sozioökonomische Faktoren.

Da landwirtschaftliche Versicherungen in der Regel nur wetterbedingte Ernteausfälle abdecken, verwendet AMPLIFY bei der Berechnung des Versicherungsindexes ausschließlich wetterbedingte Faktoren. Dies hilft Versicherungsgesellschaften, ihre Auszahlungen in Schadensfällen anhand der tatsächlichen Ernteausfälle zu ermitteln. Durch eine verbesserte Schadensbewertung der Ernteversicherungen können die Transaktionskosten, die derzeit für einzelne Betriebsbesuche anfallen, reduziert werden. Dies würde wiederum die Erschwinglichkeit und die Reichweite von Versicherungen für kleinbäuerliche Betriebe deutlich erhöhen. Diese doppelte Leistung ermöglicht Auszahlungen an eine größere Anzahl von Betrieben im Falle von wetterbedingten Ernteausfällen, was letztendlich zu Einkommensstabilität und Ernährungssicherheit beiträgt und somit die Fähigkeit kleinbäuerlicher Betriebe stärkt, ihre landwirtschaftliche Produktion an sich ändernde Klimabedingungen anzupassen.

[1] FAO, 2016; Eurostat 2010; Economic Research Service, USDA, 2013