Nach meinen
beiden Artikeln in Die Zeit
und Bild der
Wissenschaft erreichten mich zahlreiche Leserzuschriften.
Da viele Fragen und Argumente sich wiederholen, sind unten einige
Antworten zusammengestellt. Der besseren Lesbarkeit halber habe
ich die Zuschriften auf die Sachfragen reduziert (die leider oft
aus einem Wust von Polemik herausdestilliert werden mußten).
Ich bitte um Verständnis, daß ich aufgrund der vielen
Zuschriften diese in der Regel nicht mehr persönlich beantworten
kann. Ich werde jedoch je nach Bedarf und Zeit die Liste der Antworten
erweitern.
„Wie funktioniert eigentlich
der Treibhauseffekt?“
Die Temperatur
der Erde ist Ergebnis eines Strahlungsgleichgewichts: einerseits
kommt kurzwellige Sonnenstrahlung bei uns an, andererseits strahlt
die Erde langwellige Infrarotstrahlung ab. Jeder Körper gibt
Strahlung ab - je wärmer er ist, desto mehr (Stefan-Boltzmann-Gesetz).
Die Erde erreicht dabei gerade die Temperatur, bei der ankommende
und abgegebene Strahlung sich ausgleichen.
Setzt man die
ankommende Sonnenstrahlung (abzüglich des reflektierten Anteils
von 30%) in die Stefan-Boltzmann-Gleichung ein, so ergibt sich
für die Erde bei einer Temperatur von -18°C ein Strahlungsgleichgewicht.
Die Oberflächentemperatur der Erde ist aber im Mittel +15°C.
Woher diese Diskrepanz?
Der Unterschied
von 33 Grad wird vom natürlichen Treibhauseffekt verursacht
- liegt also daran, daß die Erde von einer Atmosphäre
umgeben ist, die für Infrarotstrahlung nicht gut durchlässig
ist. Vorallem Wasserdampf und CO2-Moleküle absorbieren einen
Teil der von der Erde abgegebenen Strahlung, und strahlen dann
selber die Energie wieder in alle Richtungen ab. Ein Teil der
Strahlungsenergie kommt damit wieder auf die Erde zurück.
Die Strahlungstemperatur von -18°C wird deshalb nicht an der
Erdoberfläche gemessen, sondern diese ins All abgehende Strahlung
wird höher oben in der Atmosphäre abgegeben. Dort oben
in der Atmosphäre ist es ja tatsächlich so kalt.
An der Erdoberfläche
gilt eine etwas andere Energiebilanz - zur Sonnenstrahlung kommt
der Anteil der langwelligen Strahlung noch dazu, der von den Molekülen
weiter oben teilweise auch nach unten gestrahlt wird. Daher kommt
unten mehr Strahlung an, und zum Ausgleich muß die Oberfläche
mehr Energie abgeben, also wärmer sein (+15°C), um auch
dort unten wieder ein Gleichgewicht zu erreichen. Ein Teil dieser
Wärme wird von der Oberfläche auch durch atmosphärische
Konvektion nach oben abgeleitet. Ohne diesen natürlichen
Treibhauseffekt wäre die Erde lebensfeindlich und völlig
vereist.
Eine Abbildung
der Energiebilanz finden Sie hier.
Manche „Skeptiker“
behaupten, der Treibhauseffekt könne gar nicht funktionieren,
da (nach dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik) keine Strahlungsenergie
von kälteren Körpern (der Atmosphäre) zu wärmeren
Körpern (der Oberfläche) übertragen werden könne.
Doch der 2. Hauptsatz ist durch den Treibhauseffekt natürlich
nicht verletzt, da bei dem Strahlungsaustausch in beide Richtungen
netto die Energie von warm nach kalt fließt.
Was hat der
Mensch mit dem Treibhauseffekt zu tun? Der Mensch hat durch die
Anreicherung der Atmosphäre mit Spurengasen (vorallem CO2)
den an sich lebenswichtigen Treibhauseffekt um ca. 2% (bezogen
auf die Strahlungswirkung in W/m2) verstärkt - man spricht
hier vom „anthropogenen“ Treibhauseffekt, der nun zum natürlichen
Treibhauseffekt hinzukommt. Diese Störung der Strahlungsbilanz
muß zu einer Erwärmung der Erdoberfläche führen,
wie sie ja auch tatsächlich beobachtet wird.
„Wasserdampf, und nicht
CO2, ist das wichtigste Treibhausgas.“
Stimmt,
wenn man vom natürlichen Treibhauseffekt spricht. Etwa 66
% des natürlichen Treibhauseffekts, der seit Jahrmillionen
die Erde bewohnbar hält, wird von Wasserdampf verursacht,
29 % von CO2. Selbstverständlich wird die Wirkung des Wasserdampfes
in Klimamodellen berücksichtigt, sonst würden sie eine
völlig tiefgefrorene Erde darstellen.
Warum liest
man weniger über Wasserdampf als über CO2? Weil der
Mensch den Wasserdampfgehalt der Atmosphäre nicht direkt
beeinflussen kann, wohl aber deren CO2-Gehalt bereits um 30 %
erhöht hat.
Dennoch
spielt Wasserdampf auch bei der vom Menschen verursachten Erderwärmung
eine Rolle, und zwar weil der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre
stark von der Temperatur bestimmt wird - steigt die Temperatur,
steigt auch der Wasserdampfgehalt. Damit wirkt Wasserdampf als
Verstärker der globalen Erwärmung (und umgekehrt, etwa
bei der letzten Eiszeit, als Verstärker der damaligen Abkühlung).
Hätten
die Klimaforscher den Wasserdampf wirklich unterschätzt oder
gar vergessen, wie die „Klimaskeptiker“ gelegentlich behaupten,
so wäre das eine schlechte Nachricht: wir hätten einen
Verstärker vergessen, und die Erderwärmung würde
dann noch schlimmer ausfallen als von den Klimaforschern bislang
vorhergesagt. Zum Glück ist das aber nicht der Fall - wie
gesagt, Wasserdampf ist bereits in allen Modellen berücksichtigt.
„Der menschliche Treibhauseffekt
liegt noch deutlich im Rahmen der Unsicherheiten“
In dem
Buch „Klimafakten“ von Berner und Streif steht zum Treibhauseffekt:
„Im Vergleich mit dem
Gesamt-Treibhauseffekt unserer Erde machen die anthropogenen Anteile
beim Kohlendioxid 1,2% und bei den Nicht-Kohlendioxid-Gasen 0,9%
aus. Beide Werte liegen noch deutlich im Bereich der Unsicherheiten,
die bei der heutigen Bestimmung des Gesamt-Treibhauseffekts zu
veranschlagen sind.“
Diese Aussage
ist Wort für Wort gelesen zwar richtig, aber für Laien
irreführend. Weshalb?
Zum einen wird
nirgendwo erklärt, was der Gesamttreibhauseffekt ist. Nach
meiner Umfrage denken die meisten Laien hier: die gegenwärtige
Erderwärmung. Sie sind überrascht: im Gegensatz zur
allgemeinen Panikmache ist der Treibhauseffekt also nur zum kleinsten
Teil vom Menschen verursacht...
Die Zahl 2%
trifft jedoch nur zu, wenn man den menschlichen Treibhauseffekt
(der die derzeitige Erderwärmung überwiegend verursacht)
mit dem natürlichen Treibhauseffekt vergleicht, der seit
jeher die Erde warm hält und der etwa 33°C ausmacht.
Schon eine grobe (weil lineare) Überschlagsrechnung ergibt,
daß 2% von 33°C etwa 0,7°C Erwärmung verursacht
haben sollten - was genau der im 20. Jahrhundert tatsächlich
gemessenen Erderwärmung entspricht und daher die Warnungen
der Klimaforscher stützt, nicht etwa relativiert. Dies wird
in dem Buch leider nicht erläutert.
Weiter wird
suggeriert, der menschliche Einfluß auf die Strahlungsbilanz
sei gar nicht sicher meßbar, da er „noch deutlich im Bereich
der Unsicherheiten“ liegt. Diese Unsicherheit bezieht sich darauf,
ob der natürliche Treibhauseffekt nun 33°C oder nur 32°C
beträgt.
Diese Aussage
läßt sich am besten mit einer Analogie verstehen. Stellen
Sie sich vor, bei Ihrem Nachbarn fahren LKW mit Erde vor und schütten
sein Grundstück auf, bis es zwei Meter höher liegt als
zuvor. Ihre Aussicht ist damit ruiniert, und sie beschweren sich.
Ihr Nachbar antwortet: „Nun regen Sie sich nicht auf, ich habe
mein Grundstück doch nur um 2% erhöht, denn die Höhe
über dem Meeresspiegel war ja ohnehin schon hundert Meter.
Die zwei Meter liegen noch im Bereich der Unsicherheit, da wir
die Höhe über Meeresniveau ohnehin nur bis auf drei
Meter Genauigkeit kennen.“
Selbstverständlich
kann man die Erhöhung des Grundstücks um zwei Meter
genau messen, selbst wenn die absolute Höhe über dem
Meeresspiegel nur ungenau bekannt ist, und genauso verhält
es sich auch mit dem vom Menschen verursachten Treibhauseffekt.
Dabei ist der Meeresspiegel als Bezugsniveau noch vergleichsweise
real - die zum 2%-Vergleich bemühte Erdatmosphäre ohne
jeden Treibhauseffekt ist dagegen eine rein theoretische Bezugsgröße.
„Die Sonne wirkt auch indirekt
auf das Klima, etwa durch die Wolkenbildung.“
Man unterscheidet
die direkte Wirkung von solaren Schwankungen (also einfach die
Schwankung in der Strahlungsintensität in W/m2, die ich in
meinem Artikel diskutiere) und indirekte Wirkungen (die zu erläutern
der Platz in meinem Artikel nicht reichte).
Über mögliche
indirekte Wirkungen gibt es eine wissenschaftliche Diskussion
aber noch keine klaren Belege. Diskutiert wird vorallem eine mögliche
Korrelation von der auf die Erde treffenden kosmischen Strahlung
mit der Wolkenbedeckung. (Die kosmische Strahlung hängt mit
der Sonnenaktivität zusammen, da der Sonnenwind das Erdmagnetfeld
beeinflußt, und dies wiederum die kosmische Strahlung abschirmt.)
Satellitenmessungen der Wolkenbedeckung (ISCCP, International
Satellite Cloud Climatology Project) von 1983-1993 schienen eine
hohe Korrelation mit Messungen der kosmischen Strahlung aufzuweisen
(Svensmark 1998). Allerdings war der Meßzeitraum noch zu
kurz um sichere Schlüsse zu ziehen, denn Korrelationen sagen
nur etwas über eine gewisse Ähnlichkeit im Kurvenverlauf
aus und können auch durch Zufall entstehen (wie die sprichwörtliche
Korrelation von Geburtenrate und Zahl der Störche in Deutschland).
Inzwischen sind die ISCCP-Satellitendaten bis 1999 publiziert
worden, und diese Korrelation hat sich nicht bestätigt -
mit den neuen Daten ergibt sich sogar eine negative Korrelation.
 |
Kosmische Strahlung (blaue Kurve) und von
Satelliten gemessene Wolkenbedeckung (ISCCP-Daten, schwarze
Kästchen).
Der rote Pfeil bezeichnet den von Svensmark (1998) gezeigten
Teil der ISCCP-Daten, aus dem er auf eine Korrelation von
kosmischer Strahlung und Wolkenbedeckung schloß. Abb.
aus P. Laut (2003). |
Trotz
dieses Fehlschlags ist nicht auszuschließen, daß künftig
noch indirekte Wirkmechanismen der Sonne identifiziert werden
können. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, daß
diese stärker sind als die direkte Wirkung der Strahlungsintensität.
Und zwar aus folgendem Grund: die direkte Wirkung der Sonne, die
heute schon in Modellen berücksichtigt wird (siehe etwa die
in meinem BdW-Artikel abgebildete tausendjährige Simulation
des PIK), erklärt die beobachtete Reaktion des Klimasystems
ja bereits ganz gut - etwa das Ausmaß der Abkühlung
in den solaren Minima. Es gibt hier also keine „Erklärungslücke“
- also keine beobachteten starken Schwankungen des Klimas, die
durch die bislang bekannten Mechanismen nicht erklärbar sind.
Noch eine Anmerkung
zu Korrelationen: „Klimaskeptiker“ begrüßen jede Korrelation
von Sonnenaktivität und Klimadaten stets wie einen Beleg
gegen die Treibhauswirkung von CO2. Dies ist aus zwei Gründen
nicht schlüssig. Erstens muß die Empfindlichkeit des
Klimas gegenüber CO2-Änderungen und Sonnenschwankungen
jeweils unabhängig voneinander bestimmt werden; eine hohe
Empfindlichkeit gegenüber der Sonne läßt dabei
nicht etwa auf eine geringe Empfindlichkeit gegenüber CO2
schließen. (Auch der an sich näher liegende umgekehrte
Schluß ist aufgrund der verschiedenen Wirkmechanismen nicht
stichhaltig.) Zweitens läßt sich diese Empfindlichkeit
(und die Stärke einer Wirkung) prinzipiell nicht aus einer
Korrelation ableiten, da Korrelationen unabhängig von der
Amplitude sind. Wenn behauptet wird, aufgrund einer Korrelation
könnten zwei Drittel der Erwärmung seit 1750 auf die
Sonne zurückgeführt werden, ist dies schlicht falsch,
egal wie hoch die Korrelation tatsächlich ist. Wäre
die Sonnenschwankung (bei ansonsten gleichem Zeitverlauf) nur
halb oder auch nur ein hundertstel so stark gewesen, der Korrelationskoeffizient
wäre der gleiche, und er verrät nichts darüber,
welcher Anteil des Trends mit der Sonne erklärt werden könnte.
Auch die in meinem Artikel abgebildete Sonnenfleckenkurve kann
nicht etwa so interpretiert werden, daß die Sonne die gesamte
Erwärmung bis 1940 erklärt - genauso könnte es
die Hälfte oder ein Drittel sein, denn die Skalierung der
Kurven ist frei wählbar.
„Die Klimawechsel der Erdgeschichte
beweisen, das CO2 nicht das Klima kontrolliert“
In meinem
BdW Artikel nenne ich ja eine Reihe von Ursachen vergangener
Klimawandel, und CO2 ist nur einer von mehreren Einflußfaktoren
und keineswegs immer dominant. In manchen Zeiträumen war
der CO2-Gehalt der Atmosphäre fast konstant, etwa im Holozän
(bis zum 18. Jh.), und konnte schon deshalb kaum eine Rolle bei
den dennoch vorhandenen Klimaschwankungen spielen. Während
der letzten Eiszeit gab es abrupte Klimawechsel, die nichts mit
CO2 zu tun hatten. Über andere Zeiträume, etwa wenn
man viele Jahrmillionen betrachtet, hat sich zwar das CO2 deutlich
geändert, gleichzeitig änderte sich aber auch die Verteilung
der Kontinente, die ebenfalls stark das Klima beeinflussen kann.
Es geht also nicht darum, daß CO2 der einzige oder stets
dominante Klimafaktor war.
Es geht vielmehr
darum, die Stärke des CO2-Effekts zu bestimmen - wieviel
Erwärmung bringen x % Erhöhung des CO2. Und da stützen
die Daten der Klimageschichte unser heutiges Wissen über
die Klimawirkung des CO2, und damit leider auch die Sorge der
Klimaforscher über den anthropogenen CO2-Anstieg. Das oft
gehörte Argument „Klima hat sich schon immer geändert,
und nicht immer parallel zum CO2“ ist also leider kein stichhaltiger
Grund zur Entwarnung.
„Zur Zeit der Wikinger
war es in Grönland wärmer“
Dass Erik der Rote im Jahr 982
seinen Landeplatz „Grönland“ nannte (von „Klimaskeptikern“
immer gerne angeführt) ist kein ernstzunehmendes Argument
dafür, dass es damals wärmer war als heute - auch heute
zeichnet sich diese Region Grönlands (bei K’agssiarssuk)
durch üppiges Grün aus. „Es sieht da aus wie bei
uns auf einer Voralp. Blumen hat es wie in den Alpen und die Hänge
sind im Sommer schön grün. Darum haben die ersten Siedler
das Land Grönland, grünes Land, genannt. (...) Heute
wird dank der grünen Weiden intensiv Schafzucht getrieben.
Pferde, Kühe, Schafe und Geflügel sind die Haustiere,
genau wie bei Erik dem Roten vor tausend Jahren.“ Weiter heißt
es: „In den Mistbeeten gedeihen unter anderem Radieschen, Salat,
Petersilie, Erdbeeren und Spinat, während man in Freilandkultur
Rhabarber, verschiedene Arten Kohl, Kartoffeln, Spinat und Salat
züchtet. (...) Es wird unter anderem mit zwei Ernten Roggen
pro Jahr gearbeitet.“ (Beschreibung aus einem Grönlandbuch
aus den sechziger Jahren.)
Der Dye3 Eisbohrkern
liegt der Wikingersiedlung am nächsten (Abbildung). Er zeigt,
dass im Süden Grönlands die Temperaturen Mitte des 20.
Jahrhunderts (am Ende des Bohrkerns) wärmer waren als je
in den vorherigen dreitausend Jahren.

Ähnliches
gilt übrigens für den ebenfalls oft zitierten Weinanbau
in England im Mittelalter. Wenig bekannt ist, dass auch heute
in England in nicht unerheblichen Mengen Wein produziert wird,
der sich in Qualität und Herstellungspreis gegen Konkurrenz
vom Weltmarkt behaupten muss. Letzteres war beim klösterlichen
Weinbau im Mittelalter nicht der Fall - die Mönche arbeiteten
für Gottes Lohn, und den Messwein durch Handel zu beschaffen
war erheblich schwieriger als heute. Der damalige Weinbau kann
nicht als ernsthafter Beleg für ein wärmeres Klima gelten.
Zudem geht
es, wie in dem Artikel geschildert, bei der Erderwärmung
nicht darum, dass jeder einzelne Ort wärmer geworden ist
(es gibt Ausnahmen - gerade Grönland reagiert in der Klimageschichte
oft auf regionale Änderungen der Atlantikströmungen
und entwickelt sich oft anders als die globale Temperatur). Es
geht darum, dass die mittlere Temperatur der Erde wärmer
geworden ist.
„Wollen Sie mit dem Untertitel
‚Rote Karte für die Leugner’ Andersdenkende vom Platz stellen?“
Zunächst:
der Titel stammt von der Redaktion (ebenso der Titel des Zeit-Artikels),
mein Titelvorschlag hatte gelautet: „Aus der Klimageschichte lernen“.
Zugegebenermaßen für Journalisten etwas trocken. In
der Regel behalten sich Redaktionen daher die Aufmachung von Artikeln
(incl. Titel, Bebilderung, Zwischentitel usw.) vor.
Dennoch ist
der Vergleich mit dem Sport gar nicht schlecht, denn auch in der
Wissenschaft wird nach gewissen Regeln gespielt. Dazu gehört
etwa, daß man Resultate in Fachpublikationen dokumentiert,
und zwar so, daß Kollegen die Methodik und Ergebnisse nachvollziehen
und überprüfen können. Solche Fachpublikationen
werden vor dem Abdruck begutachtet (und in der Folge häufig
nochmals überarbeitet), um handwerkliche Mängel und
Unklarheiten soweit wie möglich zu vermeiden. Dies ist ein
gewiß nicht unfehlbares, aber doch recht effektives System
der Qualitätskontrolle. Zudem gehört es zu den Spielregeln
der Wissenschaft, nicht einseitig nur die eigene These stützende
Daten zu präsentieren und Unpassendes einfach wegzulassen;
Für und Wider müssen gleichermaßen nüchtern
diskutiert werden.
Kontroverse
Diskussionen und ständiges Hinterfragen und Kritisieren gehören
in der Wissenschaft zum Alltag und machen mit ihren Reiz aus.
Dabei Andersdenkende zu respektieren ist für mich selbstverständlich,
gerade auch wenn sie originelle Außenseiterthesen vertreten
- vorausgesetzt, sie tun dies innerhalb der Spielregeln, also
aufgrund nachvollziehbarer Daten und sauberer Argumentation.
Eine „rote
Karte“ bekommt man nicht, weil man im falschen Team ist oder andere
Meinungen vertritt, sondern für unsportliches Verhalten.
Dazu gehört für mich, wenn jemand agressiv Öffentlichkeitsarbeit
betreibt (etwa durch aufwendig produzierte und in hoher Auflage
an Abgeordnete und Journalisten verteilte Broschüren, Pressemitteilungen,
Medienauftritte usw.) mit wissenschaftlichen Darstellungen, die
entweder bereits widerlegt sind oder wegen rein handwerklicher
Fehler nicht in einer begutachteten Fachpublikation veröffentlicht
werden könnten (was auch gar nicht erst versucht wird). Wer
so an die Öffentlichkeit geht, muß sich auch in der
Öffentlichkeit Kritik an seinen Äußerungen gefallen
lassen. Er ist auch eigentlich kein „Skeptiker“ (Skepsis ist gesund
und geradezu die Essenz der Wissenschaft) sondern treffender ein
„Leugner“ (dieser Begriff beschreibt besser die aktive Lobbyarbeit
mit unhaltbaren Argumenten).
Die Tatsache,
daß die „Leugner“ trotz aller Bemühungen bislang kein
ernstzunehmendes Argument gegen die globale Erwärmung gefunden
haben, ist vielleicht das beste Kompliment an die Klimaforschung.
„Sie übertreiben die
Gefahren des Klimawandels, um mehr Forschungsmittel zu bekommen.“
Ein beliebter,
wohlfeiler und kaum zu widerlegender Vorwurf - denn er zielt auf
angebliche verborgene Motive, und niemand kann zweifelsfrei seine
inneren Motive belegen. Dennoch ist dieser Vorwurf falsch und
unsachlich.
Für mich
kann ich sagen: meine privaten Konsequenzen aus dem Klimawandel
(u.a. kein Auto zu besitzen, am Haus optimale Wärmedämmung
und Solaranlage) habe ich wohl kaum deshalb gezogen, um mehr Forschungsmittel
zu bekommen.
Die Kollegen,
die ich gut kenne, ringen ebenso wie ich bei jedem Gespräch
mit Journalisten immer wieder um eine möglichst ausgewogene
und genaue Darstellung, die die Risiken weder übertreibt
noch herunterspielt. Oft zum Leidwesen der Journalisten, die stärkere
und klarere Aussagen vorziehen würden. So ist es schon vorgekommen,
daß dieselben Aussagen von mir von dem einen Journalisten
als Beleg für Entwarnung, von einem anderen für einen
sehr dramatisierenden Artikel genutzt wurden. Gegen beides habe
ich gleichermaßen protestiert. Klimaforscher wenden sich
gegen falsche oder unwissenschaftliche Darstellungen nicht nur
von Seiten der „Skeptiker“; als etwa im Sommer 2001 die New
York Times aufgeregt meldete, am Nordpol sei kein Eis mehr,
haben die deutschen Klimaforscher einhellig die anrufenden Journalisten
beruhigt, daß dies nicht als Hinweis auf die globale Erwärmung
gewertet werden kann.
Als Kollektiv
sind Klimaforscher gewiß weder bessere noch schlechtere
Menschen als andere. Es gibt darunter sicher manche, die für
unlautere Motive anfällig sind. Doch in der Kultur der Wissenschaft
gibt es auch starke Kräfte, die dem entgegenwirken. So hängt
der Status eines Wissenschaftlers weniger von materiellen Dingen
ab als von seiner wissenschaftlichen Reputation. Und die wird
beschädigt, wenn er Thesen vertritt, die sich später
als falsch oder unhaltbar erweisen. Daher sind Wissenschaftler
in ihren Äußerungen in der Regel erheblich vorsichtiger
als andere Menschen. Während es für einen Anwalt oder
einen Geschäftsmann völlig legitim ist, ein Partikularinteresse
zu vertreten und möglichst viel für seine Seite herauszuholen,
ist es für Wissenschaftler vorallem wichtig, recht zu behalten
und keine voreiligen oder ungesicherten Behauptungen aufzustellen.
Zudem sind Wissenschaftler meist eigensinnige Individualisten
- sie gemeinsam für irgendein Projekt zu organisieren „is
like herding cats“, wie ein Kollege einmal resignierend ein englisches
Sprichwort zitierte. Aus all diesen Gründen ist es äußerst
unwahrscheinlich, daß ein Kollektiv von mehreren tausend
Wissenschaftlern aus vielen verschiedenen Ländern in einem
riesigen Komplott gegenüber der Öffentlichkeit das Zerrbild
einer Gefahr der globalen Erwärmung zeichnet, nur um an Forschungsmittel
heranzukommen.
Wer zu Geld
zu kommen will, kann dies übrigens viel einfacher auf der
Seite der „Klimaskeptiker“. Ein Klimaforscher, der bereit ist
öffentlich die Gefahr der globalen Erwärmung herunterzuspielen,
ist für bestimmte Industriezweige äußerst wertvoll,
und es winken saftige Honorare - um so mehr als es kaum solche
Wissenschaftler gibt.
Anmerkung zu den abgedruckten
Leserbriefen
Zum Schluß
noch eine Anmerkung zu den in Bild der Wissenschaft (April
2003) abgedruckten Leserbriefen (teilweise Resultat einer Leserbriefkampagne,
zu der nach Erscheinen meines Artikels in den E-mail-Netzwerken
der "Skeptiker" aufgerufen wurde). Leider hatte mir die Redaktion
nur drei der sechs abgedruckten Leserbriefe zur Beantwortung gegeben,
sodass ich in meiner abgedruckten Antwort nicht auf alles eingehen
konnte. Daher hier noch die Korrektur einiger falscher Aussagen
in diesen Leserbriefen.
Christian Kroitsch
schrieb: "Faktum ist jedenfalls, dass es um das Jahr 1000 eine
ähnliche Koinzidenz von Sonnenfleckenmaxima gab wie heute.
In den Alpen waren die Gletscher fast vollständig verschwunden,
in Skandinavien gab es gar keine mehr." Ich habe diese Behauptung
einem norwegischen Glaziologen vorgelegt. Er schrieb mir: die
Geschichte der skandinavischen Gletscher der letzten Jahrtausende
ist gut belegt. Im Mittelalter, um das Jahr tausend, waren sämtliche
norwegischen Gletscher vorhanden, die es auch heute gibt; einige
waren sogar noch größer als heute. Ich habe dazu auch
noch einen Schweizer Experten für die dortige Klimavergangenheit
befragt. Nach seiner Auskunft ist auch die Aussage über die
Alpengletscher falsch, sie waren im Mittelalter klar größer
als heute.
Theodor Landscheidt
schrieb (zur Klimarekonstruktion von Mann et al.): "Mann hat
seine Kurve aus Surrogatdaten und gemessenen Temperaturen zusammengeflickt".
Dies trifft nicht zu. Die Rekonstruktion von Mann und Kollegen
nutzt durchgehend Proxydaten und in den letzten Jahrhunderten
zusätzlich einige lange instrumentelle Reihen; sie ist allgemein
als die methodisch sauberste Rekonstruktion anerkannt. Die im
20. Jahrhundert gemessenen Temperaturen wurden zur Kalibrierung
der Methode benutzt, in dem Zeitraum, in dem Proxydaten und gemessene
Daten überlappen. Auch in meiner Grafik in Bild der Wissenschaft
sind die gemessenen Temperaturen nach Jones et al. und die Rekonstruktion
von Mann et al. als separate Kurven gezeigt, auch wenn sie sich
aufgrund der hohen Übereinstimmung fast überdecken.
(Landscheidt ist übrigens ein seit Jahren in der "Skeptiker"-Szene
aktiver pensionierter Jurist, ungeachtet des phantasievollen Institutsnamens
in seiner Anschrift.)