In Deutschland wirbt in der
Öffentlichkeit vor allem Ulrich Berner von der Bundesanstalt für
Geowissenschaften und Rohstoffe für die These vom dominanten Einfluß
der Sonne auf das Klima: mit einem Buch (Klimafakten)(11), einem
Faltblatt und neuerdings einer Kurzversion des Buches, alle durch den Verband
der Braunkohleindustrie großzügig unter Politikern und Journalisten
verteilt (12). Dem Spiegel war es eine groß aufgemachte Geschichte
wert (13). Doch der Citation Index verrät: auch Berner hat keine eigene
Forschungsarbeit zum Einfluß der Sonne auf das Klima publiziert (14).
Vielmehr argumentiert er mit der alten Sonnenkurve von Friis-Christensen
und Lassen; die wurde auch neben seinem Spiegel-Interview im Juni
2001 abgedruckt (Abb. 2) – leider ohne jeden Hinweis auf die in Fachkreisen
weithin bekannte (und auch im zuvor erschienenen IPCC-Bericht diskutierte)
neue Version der Lassen-Kurve, die das Gegenteil seiner These belegt.
Auch zum Treibhaus
hat Berner Klimafakten zu berichten: er betont, der Mensch trage
nur 2% zum Treibhauseffekt bei (siehe Nachtrag, Abb. 4). Der Laie
atmet auf: der Einfluß des Menschen ist eben doch verschwindend
gering. Doch auch hier schlummert kein Wissenschaftsstreit – die
Zahl entstammt dem IPCC-Bericht. Streiten kann man höchstens
darüber, wie Berner diesen Wert in seiner Öffentlichkeitsarbeit
einsetzt (15): nämlich meist ohne zu erwähnen, dass
der gesamte (natürliche) Treibhauseffekt etwa 33 Grad Celsius
ausmacht; ohne ihn herrschte auf der Erde lebensfeindliche Kälte.
Eine kurze Überschlagsrechnung macht auch dem Laien klar:
Eine Verstärkung durch den Menschen um zwei Prozent passt
gut zu der gemessenen Erwärmung von 0,7 Grad in den vergangenen
100 Jahren.
Berner vermittelt gerne den
Eindruck, die These vom Treibhauseffekt werde von sogenannten „Neoklimatologen“
vertreten, die das heutige und künftige Klima mit Computermodellen
simulieren und in einer virtuellen Modellwelt leben; dagegen stünden
die Paläoklimatologen, die die Klimageschichte erforschen und anhand
von harten Daten, „Klimafakten“ eben, zu ganz anderen Erkenntnissen kommen.
Vielleicht haben wir hier den Kern des Wissenschaftsstreits gefunden: Neoklimatologen
gegen Paläoklimatologen? Das klingt plausibel.
Irritierend daran ist für
mich nur, daß ich mich auch zu den Paläoklimatologen zähle
- unsere Arbeitsgruppe am Potsdam-Institut hat in den lezten Jahren u.a.
entscheidende Beiträge zum Verständnis des Eiszeitklimas oder
zu Klimaänderungen während des Holozäns (etwa der Austrocknung
der Sahara vor 5,000 Jahren) geleistet. Auf allen internationalen Konferenzen
über die Ursachen der Klimawechsel der Erdgeschichte werden unsere
Arbeiten diskutiert. Unter internationalen Paläoklimatologen würden
Berner’s Thesen, wenn sie dort bekannt wären, lediglich ein Kopfschütteln
ernten; die führenden Paläoklimatologen haben selbstverständlich
am IPCC-Bericht mitgearbeitet.
Ich verfolge
eine letzte Spur: der Spiegel bringt zur „Sommer-Sintflut“
ein Streitgespräch der Klimatologen Mojib Latif und Heinz
Miller. Die begleitende Grafik (16) könnte Anlaß zu
einem spannenden Wissenschaftsstreit geben: gezeigt wird eine
Rekonstruktion der Temperaturentwicklung der Nordhalbkugel, die
den im IPCC-Bericht gezeigten Rekonstruktionen in mehreren Punkten
eklatant widerspricht. Zum Beispiel sieht es dort so aus, als
sei es im Mittelalter bereits mindestens genauso warm gewesen
wie heute. Vielleicht gibt es neue Daten, die noch nicht vom IPCC
berücksichtigt wurden? Leider ist keine Quelle angegeben.
Nachfrage beim Spiegel ergibt: es handelt sich um eine
alte Grafik aus dem Archiv - aus der Zeit, bevor amerikanische
Paläoklimatologen die ersten korrekt geographisch gewichteten
Rekonstruktionen für die Nordhalbkugel aus Proxydaten (Eiskernen,
Baumringen, Korallen usw.) erstellten (17). Wieder kein Wissenschaftsstreit
- nur eine überholte Kurve.
Eine echte wissenschaftliche
Kontroverse hinter den Mediendiskussionen habe ich nirgendwo finden können.
Leider - denn Wissenschaft lebt vom offenen und mit sachlichen Argumenten
ausgetragenen Streit. Sie lebt davon, daß Forschungsergebnisse und
auch Argumente und Interpretationen auf Konferenzen präsentiert und
in Fachjournalen publiziert werden - mit allen fachlichen und methodischen
Informationen, die ein kritisches Hinterfragen und Nachprüfen ermöglichen.
Auch abweichende Meinungen sind willkommen und großer Aufmerksamkeit
gewiß. Innerhalb des IPCC gibt es viele unterschiedliche Meinungen
zu etlichen Aspekten des Klimawandels. Selbst die oben dargestellten, heute
als weitgehend gesichert geltenden grundlegenden Aussagen des IPCC könnten
sich als falsch erweisen – Irrtümer hat es in der Wissenschaft schon
früher
gegeben. Doch um die derzeitigen Einschätzungen des IPCC zu erschüttern
müssen konkrete neue Daten und Ergebnisse in fachlich nachvollziehbarer
Form vorgelegt werden – Talkshows und PR-Kampagnen sind dazu nicht geeignet.
Die Elbeflut
zeigt: es geht beim globalen Klimawandel nicht um eine rein akademische
Diskussion. Jeder Klimawissenschaftler hat deshalb eine große
Verantwortung, wenn er sich öffentlich äußert.
Es ist unverantwortlich, in der Öffentlichkeit durch Weglassen
von Fakten bewußt einen falschen Eindruck zu erwecken. Es
ist ebenso unverantwortlich, voller Überzeugung Theorien
zu vertreten, die nichteinmal durch wissenschaftliche Fachpublikationen
gedeckt sind und die keiner kritischen Diskussion unter Kollegen
unterworfen worden sind. Es geht um viel: eine falsche, auch eine
zu lange hinausgezögerte Klimaschutzpolitik kann Menschenleben
kosten.
Nachtrag (1.10.2002)
Auch Ulrich Berner ist jetzt von der überholten
Sonnenkurve abgerückt. In seiner neuen populärwissenschaftlichen
Broschüre (Klimaentwicklung (18)) versucht er nicht mehr, die Erwärmung
der letzten Jahrzehnte mit der Sonne zu erklären. Er bestreitet diese
Erwärmung jetzt einfach.
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Abb. 3. Berner’s
neues Diagramm aus "Klimaentwicklung" (S. 15). Weder Sonnenstrahlung noch
Temperatur steigen jetzt seit Mitte des 20. Jahrhundert an.
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In dieser Broschüre
zeigt er eine realistischere Sonnenkurve (Abb. 3, gelbe Kurve),
die seit 1940 keinen Anstieg der Sonnenaktivität zeigt. Dennoch
paßt auch diese Kurve seiner Meinung nach wieder gut zum
beobachteten Temperaturverlauf der Erde: er zeigt dazu eine Temperaturkurve,
auf der seit 1940 kein klarer Erwärmungstrend zu erkennen
ist (blaue Kurve). Wieso unterscheidet sich diese neue Temperaturkurve
so von der allgemein akzeptierten, die auch Berner bis vor kurzem
noch vertrat?
Der Trick ist der folgende:
zwei unterschiedliche, nicht vergleichbare Arten von Daten wurden zu einer
Kurve zusammengebastelt. Bis 1980 zeigt Berner die von Wetterstationen
gemessene bodennahe Lufttemperatur. Deren weiteren Verlauf (zu sehen in
Abb. 1 und 2) läßt er aber weg - wohl weil er schlecht zu den
Sonnendaten paßt. Stattdessen stückelt er ab 1980 die Temperatur
der unteren bis mittleren Troposphäre aus Satellitendaten an. Unter
Klimatologen ist bekannt, daß diese Temperatur nicht nur im Mittel
etliche Grad kälter ist als die bodennahe Temperatur, sondern auch
in den letzten zwei Jahrzehnten nur wenig gestiegen ist (19). Dies zeigen
übereinstimmend mit den Satelliten auch die Radiosonden, die mit Wetterballonen
aufsteigen und in vergleichbaren Höhen messen können. (In noch
höheren Bereichen der Atmosphäre gibt es sogar eine deutliche
Abkühlung.) Hier werden also Äpfel mit Birnen zusammengeklebt,
und so entsteht die in Berner's Bildunterschrift betonte "Ähnlichkeit
zwischen Sonnenstrahlung und Temperaturverlauf". Dem Fachmann bleibt da
nur das ungläubige Staunen, wie hier für ein Laienpublikum neue
"Klimafakten" geschaffen werden.
Doch es gibt
auch einen erfreulichen Nebeneffekt: Berner's neue Sonnenkurve
zeigt die Strahlung in Watt pro Quadratmeter, und dies läßt
sich direkt mit dem menschlichen Treibhauseffekt vergleichen.
Dazu muß man nur die in seiner Grafik gezeigte Strahlungsdichte
im Raum umrechnen auf Strahlung am Erdboden. Dazu wird der reflektierte
Anteil (30%) abgezogen und die Strahlung durch vier dividiert,
weil die Oberfläche der Erdkugel vier mal so groß ist
wie die Fläche einer gleich großen Kreisscheibe. Der
gezeigte Anstieg der Sonnenstrahlung um etwa 2 W/m2
im 20. Jh. bedeutet also am Boden einen Ansteig um 0,35 W/m2.
Die vom Menschen verursachte Verstärkung des Treibhauseffekts
beträgt am Boden (wie von Berner richtig angegeben, Abb.
4) heute bereits etwa 2,7 W/m2 - im Vergleich zum gezeigten
Anstieg der Sonnenaktivität verursacht der Mensch also eine
acht mal stärkere Änderung des Strahlungshaushaltes.
Dieses Zahlenverhältnis
(übrigens so auch im IPCC-Bericht diskutiert) ist einer von vielen
Gründen, weshalb fast alle seriösen Klimatologen den menschlichen
Anteil an der Erderwärmung inzwischen für stärker als natürliche
Einflüsse halten.
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Abb. 4. Erklärung
des Treibhauseffekts aus "Klimaentwicklung" (S. 15). Der zum Vergleich
herangezogene "Gesamttreibhauseffekt" beträgt ca. 33 Grad - würde
die Atmosphäre komplett entfernt (bei konstanter Albedo), würde
sich die Oberfläche theoretisch um diesen Betrag abkühlen. Die
Verstärkung des Effekts um 2,7 W/m2 durch den Menschen
ist eine acht mal stärkere Störung des Strahlungshaushalts als
der in Abb. 3 gezeigte Anstieg der Solarstrahlung.
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Quellen und Anmerkungen
1. www.ipcc.ch
2. IPCC, Climate Change 2001 (Cambridge
University Press, Cambridge, 2001).
3. P. Neumann-Mahlkau, Treibhaus
oder Kühlhaus? - das Klima der Erde. Energiewirtschaftliche
Tagesfragen (2002).
4. Zitat aus dem Artikel: „Auf keinen Fall bestand
oder besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem CO2-Gehalt
der Atmosphäre und der globalen Durchschnittstemperatur.“
5. Sendung vom 18. August 2002.
6. Malberg’s 14 gelistete Fachpublikationen beschäftigen
sich mit lokaler Meteorologie und Bauernregeln.
7. E. Friis-Christensen, K. Lassen, Length of the
solar cycle: an indicator of solar activity closely associated with climate.
Science254,
698-700 (1991).
8. P. Laut, J. Gundermann, Does the correlation
between solar cycle lengths and Northern Hemisphere land temperatures rule
out any significant global warming from greenhouse gases? Journal of
Atmospheric and Solar-Terrestrial Physics 60, 1-3 (1998); P.
Laut, J. Gundermann, Is there a correlation between solar cycle lengths
and terrestrial temperatures? Old claims and new results. The First
Solar and Space Weather Euroconference: The Solar Cycle and Terrestrial
Climate. European Space Agency 189-191 (2000).
9. Der Trick ist der folgende: zwei Teile dieser
Kurve wurden unterschiedlich gefiltert. Auf den ersten Teil (bis ca. 1970)
wurde ein 55-jähriger Glättungsfilter angewendet, da das wilde
Auf und Ab der ungefilterten Daten sonst keine Ähnlichkeit mit der
Temperaturentwicklung zeigt. Der starke Anstieg nach 1970 dagegen beruht
auf ungefilterten Datenpunkten. Nur so wird das Ende der Solarkurve höher
als das Maximum um 1940, und erklärt angeblich die starke Erderwärmung
der letzten Jahrzehnte. Weder in den Rohdaten noch in einer durchgehend
gefilterten Kurve ist dies der Fall.
10. P. Thejll, K. Lassen, Solar
forcing of the Northern hemisphere land air temperature: New data.
Journal of Atmospheric and Solar-Terrestrial Physics 62,
1207-1213 (2000).
11. U. Berner, H. Streif, Klimafakten (Schweizerbart'sche
Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 2000).
12. Berner betreibt auch in den USA Lobbyarbeit,
siehe z.B. den Bericht
in CNS News, www.cnsnews.com/Nation/archive/200205/NAT20020514b.html.
13. Der Spiegel, 2. Juni 2001, pp. 196-201.
14. Berner's einzige Publikation zum Thema laut
SCI ist ein Aufsatz in der Zeitschrift Stahl und Eisen; dabei handelt
es sich jedoch nicht um eine Fachpublikation sondern um Öffentlichkeitsarbeit,
die sich an klimatologische Laien wendet.
15. Siehe z.B. Berner's Faltblatt Brennpunkt
Klima.
16. Der Spiegel, 19.August 2002, p. 50.
17. M. E. Mann, R. S. Bradley, M. K. Hughes, Gobal-scale
temperature patterns and climate forcing over the past six centuries. Nature
392,
779-787 (1998); M. E. Mann, R. S. Bradley, M. K. Hughes, Northern Hemisphere
temperatures during the past Millennium, Geophysical Research Letters
26,
759-762 (1999); M. E. Mann et al., Global Temperature Patterns in
Past Centuries: An interactive presentation.
Earth Interactions
4,
1-29 (2000).
18. U. Berner, Kimaentwicklung (Hrg.: Bundesanstalt
für Geowissenschaften und Rohstoffe, Reihe geo.standpunkt, 2002).
19. Die Satelliten messen die von
Sauerstoff in der Atmosphäre emittierte Mikrowellenstrahlung
aus einer Schicht vom Boden bis ca. 15 km Höhe. Die Zusammenhänge
sind detailliert erklärt in einer Broschüre des National
Research Council der USA: J. M. Wallace et al., Reconciling
observations of global temperature change (National Research
Council, Washington DC, 2000).
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