Sturm- und Flutkatastrophen haben in diesem
Sommer Europa heimgesucht. Sind dies Zeichen für einen dramatischen
Klimawechsel? Wie wird sich das Klima in Deutschland verändern?
Professor Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
nimmt zu diesen Fragen Stellung. Mit ihm sprach Norbert Lossau.
DIE WELT: In diesem Sommer
ist es in Mitteleuropa durch extreme Regenfälle zu dramatischen
Überflutungen gekommen. Sind dies die Folgen eines sich bereits
vollziehenden Klimawandels?
Stefan Rahmstorf: Aus einem einzelnen
Ereignis kann man grundsätzlich nicht auf einen Klimawandel
schließen. Wenn meine Wohnung überflutet, weil der
Schlauch der Waschmaschine geplatzt ist, kann ich daraus auch
nicht folgern, dass Waschmaschinenschläuche heute schlechter
sind als früher. Man muss sich die Statistik vieler Ereignisse
ansehen, um beurteilen zu können, ob es hier eine Zunahme
gibt oder nicht. Nehmen wir als hypothetisches Beispiel einmal
an, Waschmaschinenschläuche würden heute in der Tat
drei Mal häufiger platzen als früher. Als Laie würde
ich dann wohl sagen: Klar ist das Schuld daran, dass mein Teppich
nun ruiniert ist. Wissenschaftler sind aber spitzfindiger und
würden betonen: Das ist nicht bewiesen, denn auch früher
sind schon Schläuche geplatzt, nur eben nicht so oft.
Beim Klima zeigen die Messdaten in der Tat,
dass in vielen Gegenden der Welt die mittleren Niederschläge
in den letzten Jahrzehnten signifikant zugenommen haben. Das ist
eine einfache physikalische Folge der globalen Erwärmung:
Je wärmer es ist, desto mehr verdunstet, und dieses Wasser
muss auch wieder abregnen. Die Daten zeigen weiter, dass die extremen
Niederschläge noch stärker zunehmen als die mittleren
Niederschläge. Auch die Versicherungswirtschaft geht von
einer starken Zunahme der Extremereignisse aus. Als Laie würde
man da sagen: Aha, dann sind die Überschwemmungen also Folge
der globalen Erwärmung. Als Wissenschaftler darf ich das
aber nicht sagen, da dieser Schluss so nicht zwingend ist.
DIE WELT: Die Zahl extremer
Naturereignisse kann nur statistisch erfasst werden. Statistische
Aussagen sind aber nie absolut gesichert, sondern besitzen immer
eine Fehlertoleranz. Da haben Sie also niemals wissenschaftliche
Sicherheit.
Rahmstorf: In der Tat lässt
sich der Klimawandel wesentlich zuverlässiger durch die Zunahme
der mittleren Temperaturen belegen als durch die Statistik der
Extremereignisse. Verständlicherweise interessiert sich die
Öffentlichkeit aber mehr für Stürme und Überflutungen
als für die mittlere Temperatur der Erde - die macht keine
Schlagzeilen. Richtig ist, dass es absolut gesicherte Aussagen
nie geben wird und dass Menschen immer auf Grund der vorhandenen,
mehr oder weniger unsicheren Informationen ihre Entscheidungen
treffen.
Die Unsicherheiten werden aber nur selten
so offen und ehrlich diskutiert wie von den Klimaforschern; von
Ökonomen höre ich etwa Aussagen wie "Dies wird zweifellos
der Konjunktur schaden". Dabei sind alle Aussagen über die
Auswirkungen bestimmter Maßnahmen auf die Ökonomie
erheblich unsicherer und weniger gut verstanden als die Auswirkungen
von CO2 auf das Klima. Die Wirkung von CO2 ist physikalisch verstanden,
durch zahlreiche Messungen in Labor und Atmosphäre belegt
und durch die Klimageschichte bestätigt.
DIE WELT: Dennoch bezweifeln
immer wieder einzelne Wissenschaftler, dass die Zunahme der Erdtemperatur
anthropogen, also vom Menschen verursacht ist. Diese weisen etwa
auf Korrelationen zur Sonnenaktivität hin und sagen, dass
es schon immer Schwankungen zwischen Warm- und Kaltzeiten auf
der Erde gegeben hat - auch ohne CO2-Emissionen. Was entgegnen
Sie diesen Forschern, die in der Öffentlichkeit immer wieder
den Eindruck erwecken, als sei sich die Wissenschaft in dieser
Frage doch noch nicht so einig?
Rahmstorf: Der regelmäßige
Wechsel zwischen Warmzeiten und Eiszeiten wurde durch Unregelmäßigkeiten
in der Erdbahn um die Sonne verursacht, die so genannten Milankovich-Zyklen.
An unserem Institut waren wir übrigens weltweit die Ersten,
die einen solchen kompletten Zyklus von der letzten Warmzeit,
dem Eem, durch die Eiszeit bis heute realistisch in einem Klimamodell
nachgerechnet haben - einschließlich des Wachsens und Verschwindens
der großen Eismassen auf den Kontinenten. CO2 spielt dabei
eine wichtige Rolle als Verstärker des Klimawandels, ist
aber in diesem Beispiel nicht der Auslöser. Gerade weil wir
vergangene Klimawechsel quantitativ verstehen, sind wir zuversichtlich,
auch den Einfluss des Menschen nicht ganz falsch einzuschätzen.
Auch Schwankungen in der Sonne beeinflussen das Klima, wenn auch
nur um wenige zehntel Grad. Leider kursiert in der Öffentlichkeit
immer noch eine wissenschaftlich unhaltbare und überholte
Grafik der dänischen Forscher Friis-Christensen und Lassen
über die Korrelation der Erdtemperatur mit dem Sonnenfleckenzyklus.
Knud Lassen selbst hat diese vor über zwei Jahren durch eine
korrigierte Kurve ersetzt, aus der hervorgeht, dass sich das Klima
nach der Sonnenaktivität in den abgelaufenen 20 Jahren hätte
abkühlen müssen. Die beobachtete Erwärmung führt
auch er jetzt auf die vom Menschen emittierten Treibhausgase zurück.
DIE WELT: In jedem Fall
herrscht offenbar unter allen Wissenschaftlern Einigkeit darüber,
dass die mittlere Temperatur auf der Erde in den kommenden Jahren
und Jahrzehnten steigen wird. Dies muss aber nicht bedeuten, dass
es überall gleichmäßig wärmer wird. Sie haben
berechnet, dass steigende Temperaturen gar zu einem Versiegen
des Europa wärmenden Golfstroms führen könnten.
Wie wahrscheinlich ist ein solches Ereignis? Wie schnell könnte
so etwas passieren? Und was wären die Folgen für Europa?
Rahmstorf: In der Klimageschichte
waren starke Klimawechsel häufig auch mit Änderungen
in den Atlantikströmungen verbunden. Der Golfstrom als Ganzes
wird allerdings nie versiegen, diese Gefahr besteht nur für
seine Verlängerung nach Nordeuropa, den Nordatlantikstrom.
Fast alle Modelle sagen voraus, dass er sich durch die Erwärmung
spürbar abschwächen wird. In einigen Modellen kommt
es zu räumlichen Verlagerungen. Rechnungen aus Princeton
und an unserem Institut zeigen, dass der Nordatlantikstrom bei
pessimistischen Annahmen auch ganz abreißen könnte.
Die Folgen wären zunächst für die marinen Ökosysteme
und die Fischerei gravierend; doch auch an Land können sich
starke regionale Klimaänderungen einstellen, bis hin zu einer
regionalen Abkühlung besonders im Nordwesten Europas. Eine
Wahrscheinlichkeit oder einen Zeitpunkt dafür kann man bislang
nicht angeben - das Risiko wächst, je stärker wir in
das Klimasystem eingreifen. Man sollte es vielleicht so sehen:
Dieses Risiko kann man weit gehend vermeiden, wenn wir durch rechtzeitigen
Klimaschutz die Erwärmung auf unter zwei Grad begrenzen.
DIE WELT: Welche Maßnahmen
wären denn erforderlich, um eine Erhöhung der globalen
Temperatur auf unter zwei Grad zu begrenzen. Um wie viel Prozent
müsste der heutige CO2-Ausstoß denn dann ungefähr
begrenzt werden? Und wie schnell kann das Klimasystem darauf reagieren?
Rahmstorf: Dazu muss der weitere
Anstieg des CO2-Gehalts der Atmosphäre innerhalb der nächsten
Jahrzehnte gestoppt werden. Um dies zu erreichen, müssen
die Emissionen weltweit etwa um die Hälfte reduziert werden.
In der Tat wirken unsere Handlungen erst um einige Jahrzehnte
verzögert - das Klimasystem hat einen langen Brems-weg. Um
so mehr Grund, jetzt zu handeln.
DIE WELT: Neben dem CO2
gibt es eine Reihe weiterer klimarelevanter Substanzen in der
Atmosphäre, wie etwa Methan, Fluorkohlenwasserstoffe oder
Wasserdampf. Welche Anteile am Treibhauseffekt haben diese Substanzen?
Müsste man außer beim Kohlendioxid nicht auch noch
woanders "sparen"?
Rahmstorf: Wasserdampf ist das
wichtigste Treibhausgas, allerdings vom Menschen nicht direkt
beeinflussbar, da natürlich die Verdunstung von den riesigen
offenen Wasserflächen - über zwei Drittel der Erde sind
mit Wasser bedeckt - viel größer als jede denkbare
menschliche Emission ist. Das natürliche Wasserdampfgleichgewicht
beeinflussen wir nur indirekt über die Temperatur: Heizen
die Ozeane sich auf, verdunstet auch mehr - das ist also ein verstärkender
Rückkopplungseffekt, der auch in den Klimamodellen berücksichtig
wird. Was die anderen Gase angeht, deren Konzentration der Mensch
durch seine Emissionen direkt beeinflusst, haben Sie bereits die
wichtigsten genannt, dazu kommt noch Stickstoffoxid (N2O). Diese
Gase verursachen zusammen 40 Prozent des anthropogenen Treibhauseffekts,
60 Prozent das CO2. Daher sind auch diese anderen Gase im Kyoto-Protokoll
berücksichtigt worden.
DIE WELT: Was sind aus
Ihrer Sicht die größten noch offenen Fragen in der
Klimaforschung?
Rahmstorf: Das vielleicht größte
offene Problem ist das Verstehen des Kohlenstoffkreislaufes -
wieso ist der CO2-Gehalt der Atmosphäre während der
Eiszeiten so stark abgesunken? Vieles deutet auf erhöhte
Produktivität der Meeresalgen hin, weil der Ozean in dem
trockenen Eiszeitklima durch Staub in der Luft gedüngt wurde.
Die "biologische Pumpe" entzog so der Atmosphäre CO2. Doch
im Detail knirscht es noch erheblich mit den Erklärungsmodellen
- sie sind noch nicht mit allen Daten in Einklang zu bringen.
Daran wird auch bei uns gearbeitet. Das Fernziel ist, nur auf
Grund der Erdbahnzyklen komplette Eiszeitzyklen zu simulieren
mit allem Drum und Dran - dem Aufbau und Abschmelzen der Kontinentaleismassen,
dem Auf und Ab des CO2, den Änderungen der Meeresströme.
DIE WELT: Wie optimistisch
oder pessimistisch sind Sie im Hinblick auf ein rechtzeitiges
Handeln der Menschheit beim Klimaschutz? Sehen Sie den UN-Gipfel
in Johannesburg da eher als Misserfolg oder als Erfolg? Welche
Rolle kann Deutschland spielen?
Rahmstorf: Ich bin wohl ein unverbesserlicher
Optimist - ich glaube, dass die Menschheit lernfähig ist.
Meine Hoffnung gründet sich darauf, dass den meisten Menschen
viel am Wohlergehen ihrer Kinder und Enkel liegt, insofern denken
sie langfristiger als viele Politiker. Gipfel wie Johannesburg
sind einerseits natürlich schmerzlich frustrierend, alle
Schritte sind mühsam und klein.
Doch den Erfolg kann man wohl erst in 20
Jahren beurteilen - vielleicht wird mit diesen kleinen Schritten
doch etwas angestoßen, das eines Tages richtig ins Rollen
kommt. Auf die praktische Umsetzung kommt es an. Deutschland kann
eine wichtige Rolle als Vorreiter spielen - wer heute mutig vorangeht,
zum Beispiel bei Energieeffizienz und erneuerbaren Energien, kann
später durch den technologischen Vorsprung sogar profitieren.