Der Mueller-Gletscher auf der Südinsel Neuseelands schmilzt
zusammen.
Eine einzelne Hitzewelle oder Flut
wird nie direkt ursächlich auf die Erderwärmung zurückgeführt
werden können, auch wenn die dazu beigetragen hat. Ein heißer
Sommer ist für Wissenschaftler auch kein Beleg für die
Erderwärmung. Diesen Beleg liefert nur der Gesamtüberblick
über alle Klimadaten. Aufgrund dieser Daten ist die Tatsache
der globalen Erwärmung in der Forschung nicht mehr umstritten
– auch dass der Mensch für die Erwärmung der letzten
Jahrzehnte überwiegend verantwortlich ist, ist inzwischen
sehr gut belegt.
Obwohl unter den Klimaforschern weltweit
große Einhelligkeit in dieser Einschätzung besteht,
kann ein Laie leicht den gegenteiligen Eindruck gewinnen. Der
Grund dafür ist vor allem die Lobbytätigkeit von industrienahen
Interessengruppen, die durch unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit,
Präsentation dubioser Studien u.ä. den Eindruck zu erwecken
versuchen, der Klimawandel sei stark umstritten.
Vorallem in den USA hat dieser Lobbyismus in den neunziger Jahren
professionelle Formen angenommen und erheblichen Einfluss auf
die Politik gewonnen. Eine Untersuchung amerikanischer Politologen
kommt zu dem Schluss, dass die intensive Lobbytätigkeit von
über einem Dutzend industrienaher und bestens finanzierter
Organisationen maßgeblich zur Wende in der US-Klimapolitik
und zum Ausstieg aus dem Kioto-Protokoll beigetragen hat.
Aktuelle Beispiele sind die massive
Revision des Klimakapitels des jährlichen Umweltberichts,
die die Umweltbehörde EPA auf Druck des Weißen Hauses
vornehmen musste, sowie eine heftige Debatte in einer Klimaanhörung
des US-Senats. In beiden Fällen beriefen sich Regierungsvertreter
auf eine Studie der Astronomen Willie Soon und Sallie Baliunas,
nach der die Erwärmung im 20. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches
sei.
Unter Klimatologen hat diese Studie
Kopfschütteln ausgelöst – nicht wegen des Ergebnisses,
sondern wegen einer ganzen Reihe schwerer methodischer Mängel.
Laut New York Times stehen
Soon und Baliunas auf der Gehaltsliste des George C. Marshall
Institute – einer industrienahen Denkfabrik, die seit Jahren
Lobbyarbeit gegen Klimaschutz betreibt. Ihre Studie wurde vom
American Petroleum Institute finanziert. Die Strategie ähnelt
der der Tabakindustrie, die über viele Jahre immer wieder
Wissenschaftler und Studien präsentierte, die die Unschädlichkeit
des Rauchens nachweisen sollten.
Auch in Deutschland sind die so genannten
„Klimaskeptiker“ zunehmend aktiv, vor allem der Bundesverband
Braunkohle zusammen mit der Bundesanstalt für Geowissenschaften
und Rohstoffe (BGR), einer nachgeordneten Behörde des Wirtschaftsministeriums.
Der Braunkohleverband publizierte dieses Jahr eine 20-seitige
Klimabeilage zu der von Journalisten viel gelesenen Zeitschrift
Journalist – eine Erwiderung durch eine Gruppe
von unabhängigen Klimatologen wurde dagegen abgelehnt. Auch
die BGR gibt ähnliche Broschüren und ein Buch (Titel:
„Klimafakten“) heraus. Die Argumente lesen sich dabei
weitgehend wie von den Internetseiten der US-Lobbyorganisationen
übernommen.
Mangels echter Klimaforscher, die die
Treibhauserwärmung bezweifeln, werden von „Klimaskeptikern“
sogar ganze Forschungsinstitute als Potemkin’sche Dörfer
in die Medienlandschaft gesetzt. So berichtete der Journalist
Dirk Maxeiner in der Welt, das „Schröter-Institut
zur Erforschung von Zyklen der Sonnenaktivität“ habe
festgestellt, das vom Menschen erzeugte Kohlendioxid spiele für
das Klima „eine sehr viel geringere Rolle als bisher angenommen“.
Im Internet war das angebliche Institut nicht zu finden. Nachforschungen
ergaben, dass sich hinter dem Institutsnamen der seit langem in
der Klimaskeptiker-Szene aktive Jurist Theodor Landscheidt verbirgt.
Ein Laie kann eine solche Zeitungsmeldung kaum von einer seriösen
Wissenschaftsmeldung unterscheiden; von den Medienmachern sollte
man aber einen kritischeren und vorsichtigeren Umgang mit dem
Thema erwarten.
Als Wissenschaftler kann man nur die
sachlichen Argumente immer wieder nüchtern in den Vordergrund
rücken. Fast alle Klimatologen sind überzeugt, dass
der überwiegende Teil der aktuellen Erwärmung durch
den Anstieg von Kohlendioxid und einiger anderer Treibhausgase
in der Atmosphäre verursacht wird – also vom Menschen.
Dafür gibt es vor allem zwei Gründe.
Der erste Grund ist die Tatsache, dass
der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre seit Beginn der Industrialisierung
um ein Drittel angestiegen ist. Ursache für diesen Anstieg
ist hauptsächlich die Verbrennung fossiler Brennstoffe (Kohle,
Erdöl, Erdgas) – dies ist zweifelsfrei belegt. Der
Mensch hat damit den Kohlenstoffkreislauf kurzgeschlossen, und
überführt große Mengen Kohlenstoff von der Erdkruste
in die Atmosphäre – pro Jahr etwa so viel, wie in einer
Million Jahre der Erdgeschichte abgelagert wurde.
Der zweite Grund ist die seit über
hundert Jahren bekannte, im Labor leicht nachmessbare Eigenschaft
von Kohlendioxid, Wärmestrahlung zu absorbieren. Dadurch
wird das Strahlungsgleichgewicht der Erde verändert –
der so genannte Treibhauseffekt. Dieser Treibhauseffekt ist seit
Beginn der Erdgeschichte wirksam, ohne ihn wäre die Erde
völlig vereist. Der Mensch hat den Treibhauseffekt also nicht
etwa erschaffen, er verändert lediglich seine Stärke.
Der vom Menschen verursachte Anstieg des Kohlendioxid (und einiger
anderer Gase mit ähnlicher Wirkung, etwa Methan) führt
derzeit zu einer zusätzlichen Strahlung am Boden von 2,4
Watt pro Quadratmeter.
Diese Fakten werden von keinem Wissenschaftler
in Frage gestellt. Diskutiert wird lediglich die Frage, um wie
viel sich das Klima durch die 2,4 Watt zusätzlicher Strahlung
erwärmt. Dies wäre eine simple Rechenaufgabe für
Physikstudenten, wenn es nicht Rückkopplungen im Klimasystem
mit zu bedenken gäbe – sowohl positive (also verstärkende)
als auch negative (also abschwächende). Ein Verstärker
ist etwa der Eisfeedback: wird es wärmer, gibt es weniger
Eis und Schnee auf der Erde, wodurch auch weniger Sonnenstrahlung
zurückgespiegelt wird. Dadurch wird die ursprüngliche
Erwärmung etwas verstärkt. Ein Abschwächer ist
der Wolkenfeedback: wird es wärmer, können mehr Wolken
entstehen, die der Erwärmung teilweise entgegenwirken.
Die Rückkopplungen müssen
also abgeschätzt werden, um die vom Menschen verursachte
Erwärmung berechnen zu können. Dabei tappt man zum Glück
nicht im Dunklen, denn schon am heutigen Klima lassen sich die
meisten Aspekte der Rückkopplungen beobachten und messen:
das heutige Klima durchläuft ja bereits starke Temperaturvariationen,
etwa die Jahreszeiten. Kalkuliert man alles mit ein, ergibt sich
als beste heutige Abschätzung für 2,4 Watt Strahlung
eine Erwärmung um 1,5ºC, allerdings erst im Gleichgewicht
(nach langer Zeit). Nun muss man noch die Wärmespeicherfähigkeit
der Ozeane berücksichtigen, durch die das Klima nur langsam
und zeitverzögert reagiert: bis heute sollte demnach erst
die Hälfte bis zwei Drittel der Gleichgewichtserwärmung
realisiert sein.
Das bedeutet: nach unserem Verständnis
der Physik sollte der Mensch durch seine Treibhausgase bislang
eine Erwärmung von 0,75-1ºC verursacht haben. Dieser
Wert passt gut zur beobachteten Erwärmung im 20. Jh. (auch
wenn die tatsächliche Entwicklung natürlich nicht ausschließlich
durch die Treibhausgase bestimmt wird, sondern sich noch einige
weitere, kleinere Effekte überlagern). Dies ist der Kern
der Besorgnis über den Treibhauseffekt.
Die Unsicherheit in dieser Rechnung
beträgt etwa einen Faktor zwei, weil manche Rückkopplungen
nur ungenau bestimmt werden können. Die Erwärmung könnte
also halb oder auch doppelt so groß wie die beste Abschätzung
ausfallen. An dem grundsätzlichen Problem ändert diese
Unsicherheit wenig: auch wenn der optimistischste Fall eintritt,
würde die Erwärmung ohne Gegenmaßnahmen in diesem
Jahrhundert das Klima weit über das Maß der natürlichen
Schwankungen der letzten Jahrtausende hinaus aufheizen, mit allen
damit verbundenen Risiken.
Um Entwarnung geben zu können,
müsste die Wirkung der Treibhausgase um erheblich mehr als
nur den Faktor zwei überschätzt worden sein. Es müssten
also bislang unbekannte, aber sehr stark abschwächende Rückkopplungen
im Klimasystem entdeckt werden. Die Chancen dafür stehen
nicht gut. Selbst die Gegner von Klimaschutzmaßnahmen haben
bislang keine Rückkopplung dieser Art auch nur halbwegs überzeugend
aufzeigen können. Dazu kommt, dass die Klimageschichte gegen
eine solche starke negative Rückkopplung spricht. Das Klimasystem
hat in der Vergangenheit auf recht subtile Strahlungsänderungen
bekannter Stärke (wie die Milankovich-Zyklen) mit heftigen
Ausschlägen reagiert (den Eiszeiten). Diese lassen sich nur
verstehen, wenn die Rückkopplungen im Klimasystem insgesamt
verstärkend wirken. In der Tat erhält man mit den heute
bekannten Rückkopplungen in Simulationsrechnungen ein realistisches
Eiszeitklima; auch andere Klimawechsel früherer Zeiten lassen
sich mit heutigen Modellen gut nachvollziehen.
Das von Kritikern der Treibhaustheorie
gerne vorgebrachte Argument „das Klima hat sich schon immer
geändert“ ist also leider kein Grund zur Entwarnung,
im Gegenteil. Es belegt die große Empfindlichkeit des Klimasystems.
Glossar Klimapolitik
Die Kohlendioxidkonzentration
in der Atmosphäre ist durch menschliche Aktivitäten
in den letzten 150 Jahren um ein Drittel angestiegen (auf 370
ppm) – Eiskerne aus der Antarktis belegen, dass sie seit
mindestens 400 000 Jahren nicht annähernd so hoch war wie
heute.
Kohlendioxid wirkt als Treibhausgas,
indem es die von der Erdoberfläche kommende Wärmestrahlung
absorbiert und teilweise wieder zurückstrahlt. Dadurch führt
eine Erhöhung der CO2-Konzentration zu einer Erwärmung
der Oberfläche. Dieser Effekt wurde erstmals im Jahr 1896
von Svante Arrhenius berechnet.
Die mittlere Temperatur auf
der Erde hat sich im 20. Jh. um 0,6-0,8ºC erhöht.
Dies ist sehr wahrscheinlich der rascheste und stärkste
Temperaturanstieg des abgelaufenen Jahrtausends. Besonders
steil zeigt die Fieberkurve des Planeten seit 1970 nach oben.
Die global wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen waren
1998, 2002 und 2001.
Schwankungen der Strahlungsleistung
der Sonne haben in der Vergangenheit zu Klimaschwankungen
um einige Zehntel Grad geführt – so war es zur Zeit
des Maunder-Minimums der Sonnenaktivität um das Jahr 1700
besonders kalt. Für die aktuelle Erwärmung kann die
Sonne aber nicht verantwortlich sein, da seit 1940 die Sonnenaktivität
nicht zugenommen hat. Eine aktuelle Stellungnahme zur Rolle der
Sonne findet sich unter www.chemie-online.com/news_archiv.php?id=7059.
Bis vor zehntausend Jahren, während
der letzten großen Eiszeit, reichten gigantische
Gletscher von Skandinavien bis nach Berlin. Die regelmäßig
wiederkehrenden Eiszeiten werden durch Schwankungen in der Erdbahn
um die Sonne hervorgerufen, die so genannten Milankovich-Zyklen.
Mit der derzeitigen Erwärmung haben diese aber nichts zu
tun – sie würden zu einer geringfügigen Abkühlung
tendieren.
Das Intergovernmental Panel
on Climate Change (IPCC) erstellt alle 5-7 Jahre Berichte
zur Klimaentwicklung, an denen die meisten aktiven Klimaforscher
mitarbeiten. Sie sind zu finden unter www.ipcc.ch.
Das Kioto-Protokoll
ist ein internationales Klimaschutzabkommen, das bislang von 105
Staaten ratifiziert worden ist. Damit es in Kraft tritt, fehlt
nur noch die Ratifizierung durch Russland. Die nächste Weltklimakonferenz
findet vom 29. September bis 3. Oktober 2003 in Moskau statt.
Im US-Senat fand am
29. Juli eine Anhörung statt, zu der die
Republikaner zwei Klimaskeptiker geladen hatten. Die Demokraten
hielten mit dem renommierten Klimatologen Mike Mann dagegen, der
u.a. von Hillary Clinton befragt wurde. Die Statements der Teilnehmer
dieser Anhörung findet sich unter epw.senate.gov/stm1_108.htm#07-29-03,
eine Videoaufzeichnung unter www.epw.senate.gov/epw072903.ram.
Ist die Sonne am Klimawandel schuld?
War es im Mittelalter schon mal wärmer als heute? Ist die
Bedeutung von Wasserdampf als Treibhausgas unterschätzt worden?
Auf einer Internetseite beim Umweltbundesamt
antworten Klimaforscher auf die gängigen Argumente von Autoren,
die eine Klimagefahr bestreiten: www.umweltbundesamt.de/klimaschutz/faq.htm.
Weitere Informationen zum Klimawandel,
insbesondere zur Rolle der Meeresströmungen, findet man auf
der home page des Autors: www.pik-potsdam.de/~stefan.
Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter
Form in der tageszeitung vom 13. September 2003