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(Erschienen im "Tagesspiegel"
am 21.3.2007)
Vergangene Woche erschienen in der New York Times
und in Folge auch in einigen deutschen Medien Artikel, wonach seriöse
Klimatologen den Oskar-gekrönten Dokumentarfilm "Eine
unbequeme Wahrheit" von Al Gore zum Klimawandel kritisiert
haben sollen. "Nicht nur grundsätzliche Skeptiker"
des Klimawandels hätten Gore wegen angeblicher Fehler kritisiert.
Doch stimmt das auch?
Wer sich in der Szene etwas auskennt merkt sofort:
die zitierten Kritiker sind gerade wieder die einschlägig bekannten
und in den Medien rührigen "grundsätzlichen Skeptiker".
Und es sind (wie bei diesen Skeptikern fast durchweg) keine Klimatologen
- sofern sie überhaupt wissenschaftlich aktiv sind, kommen
sie aus anderen Fachbereichen wie der Geologie oder Paläontologie.
Ein Beispiel ist der zitierte Australier Bob
Carter, der seit Jahren in einer Serie von Medienartikeln die
Theorie der globalen Erwärmung als eine "wissenschaftliche
Gehirnwäsche" und eine "Kampagne der Angstmacherei"
bezeichnet, der die Öffentlichkeit unterzogen werde - wir Klimatologen
tun dies seiner Meinung nach aus niederem Eigeninteresse, nämlich
um mehr Forschungsgelder zu bekommen.
Doch schauen wir einfach ohne Ansehen der Personen
die Kritik an, die diese an Gore's Film üben. Es heißt,
Gore habe vor stärkeren tropischen Wirbelstürmen gewarnt,
doch 2006 seien sie ausgeblieben. Dass dies kein ernsthaftes Argument
ist, versteht auch der Laie, denn ein einzelnes Jahr sagt niemals
etwas über den Langzeittrend aus. Alle Klimakurven (ob die
Temperatur, der Meeresspiegel oder die Stärke von Tropenstürmen)
sind in ihrem Verlauf nicht glatt sondern "zackelig",
es gibt deutliche Schwankungen auf und ab von Jahr zu Jahr. Um festzustellen,
ob es hinter diesen Zufallsschwankungen einen langfristigen Trend
gibt, muss man viele Jahre messen. Der neueste UN-Klimabericht
des IPCC hat gerade festgestellt, dass die Messdaten tatsächlich
über die letzten Jahrzehnte eine Zunahme der Stärke tropischer
Wirbelstürme zeigen - gut belegt ist das zumindest im Atlantik,
wo die Daten am zuverlässigsten sind. Und der Bericht hält
eine weitere Zunahme aufgrund der Erderwärmung für wahrscheinlich.
Hier hat Gore also korrekt den Stand der Wissenschaft wiedergegeben.
Trotzdem wird es immer wieder einmal eine durchschnittliche Hurrikansaison
(wie im Atlantik letzten Sommer) geben - genauso wie es trotz der
zunehmenden Erwärmung bei uns nicht immer rekordwarme Winter
geben wird, wie den letzten, sondern dazwischen auch mal einen kalten
Winter, wie den vorletzten.
Gore wird vorgeworfen, er würde die Klimaveränderungen
der Erdgeschichte ignorieren. Dies ist falsch: Gore zeigt prominent
die Eiskerndaten aus der Antarktis, die die Veränderungen von
Temperatur und Kohlendioxidgehalt der Luft über Hunderttausende
von Jahren wiedergeben. Hier macht Gore übrigens einen echten
Fehler, den auch seriöse
Klimatologen bemängeln: er spricht von der globalen Temperatur,
obwohl diese Daten die lokale Temperatur in der Antarktis wiedergeben
- nur die Daten für Kohlendioxid gelten global, denn CO2 ist
ein in der Atmosphäre weltweit gut durchmischtes Gas. Zudem
erweckt Gore den Eindruck, der enge Zusammenhang von CO2-Gehalt
und Temperatur könne auch künftig so weitergehen wie in
den Eiskerndaten. Zum Glück ist dies aus mehreren Gründen
nicht der Fall, sonst wäre das Problem der Erderwärmung
noch ein mehrfaches schlimmer, als es ohnehin schon ist und als
Gore es auch schildert. Hier handelt es sich aber sicher nicht um
eine absichtliche Übertreibung Gores, sondern um einen Irrtum,
den man leicht korrigieren könnte, ohne an der Grundaussage
des Filmes irgendetwas zu ändern. Es bleibt die Tatsache, dass
der Mensch den CO2-Gehalt der Erde bereits so stark erhöht
hat, dass er ein Drittel über dem liegt, was jemals in den
letzten 650.000 Jahren erreicht wurde (soweit reichen die Daten
aus der Antarktis zurück).
Weiter wurde von Carter behauptet, in den letzten
15.000 Jahren habe es Klimaumschwünge gegeben, die "bis
zu 20 Mal größer" als die Erwärmung im letzten
Jahrhundert waren. Dies ist einfach falsch. Ich bin Paläoklimatologe
und meine Arbeitsgruppe arbeitet seit Jahren intensiv zum Eiszeitklima
und anderen vergangenen Klimawechseln. Die bei weitem größte
Veränderung der globalen Mitteltemperatur im genannten Zeitraum
war die Erwärmung am Ende der letzten Eiszeit, die etwa 5.000
Jahre in Anspruch nahm (von 15.000 bis 10.000 Jahren vor heute)
und 4-7
ºC betrug. Was daran 20 mal größer als die Erwärmung
um 0,7 ºC im 20. Jh. gewesen sein soll (die im übrigen
ein Vielfaches schneller abläuft, und natürlich obendrauf
kommt) bleibt rätselhaft und nicht durch irgendwelche Fachpublikationen
gedeckt. Dass es überhaupt jemals in den letzten 15.000 Jahren
global wärmer war als derzeit ist übrigens in Klimadaten
nicht
belegt. Ohne Klimaschutzmaßnahmen rechnet der IPCC-Bericht
bis zum Jahr 2100 mit einer globalen Erwärmung von bis zu 7
ºC über dem vorindustriellen Temperaturniveau - das wären
dann Bedingungen, wie es sie seit Evolution des Menschen mit Sicherheit
niemals gegeben hat.
Weiter wird Gore vorgeworfen, er zeige Szenarien
mit einem Meeresspiegelanstieg um 6 Meter, während der IPCC
nur von einem halben Meter ausgehe. Hier werden Äpfel mit Birnen
verglichen: das Szenario von Gore bezieht sich auf ein Abschmelzen
von Eisschilden, das sich über viele Jahrhunderte erstrecken
würde, während der halbe Meter des IPCC für das Jahr
2100 gilt. Auch der IPCC-Bericht sagt, dass durch die Erwärmung
Eischilde abschmelzen können (vor allem Grönland ist gefährdet),
und dass über mehrere Jahrhunderte deshalb ein Anstieg des
Meeresspiegels um mehrere Meter zu befürchten ist.
Insgesamt ist für mich in den Zeitungsberichten
kein ernst zu nehmendes Argument der Kritik an Gore's Film zu finden
- lediglich die übliche Liste von Scheinargumenten jener, die
das Klimaproblem nicht wahrhaben wollen.
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