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Der Meeresspiegel steigt, er steigt schneller als erwartet,
und der Anstieg hat sich beschleunigt. Dies sind drei der Kernaussagen
des neuen IPCC-Berichts.
Seit 1870 ist der globale Meeresspiegel um rund 20
cm angestiegen – dies zeigen die weltweiten Pegelmessungen
an den Küsten (Abb. 1). Dabei kann man mit hoher Konfidenz
sagen, dass die Anstiegsrate sich über diesen Zeitraum erhöht
hat. Satellitenmessungen zeigen für den Zeitraum 1993-2003
einen Anstieg um 3,1 mm/Jahr – berücksichtigt man die
neuesten Daten bis 2006, sogar um 3,3 mm/Jahr (Rahmstorf et al.,
2007).

Abb. 1. Der gemessene Anstieg des Meeresspiegels.
Gezeigt sind Pegeldaten (dünne blaue Linie: jährliche
Werte, dicke blaue Linie: Trendlinie) sowie für 1993-2006 der
Trend der Satellitendaten (rot gestrichelt).
Zudem zeigen geologische Daten und historische Quellen,
dass in den Jahrtausenden zuvor der Meeresspiegel nahezu stabil
war. Für das Mittelmeer ist beispielsweise archäologisch
belegt, dass sich der Meeresspiegel in den letzten 2000 Jahren bestenfalls
um +- 25 cm verändert hat. Eine Anstiegsrate wie in den letzten
hundert Jahren würde dagegen über 2000 Jahre einen Anstieg
um nahezu vier Meter bedeuten.
Der jetzt beobachtete Meeresspiegelanstieg ist also
mit Sicherheit ein modernes Phänomen, das zwischen dem späten
19. und frühen 20. Jahrhundert eingesetzt hat. Eine neue Studie
(Rahmstorf 2007) zeigt zudem, dass die Anstiegsrate des Meeresspiegels
eng mit der globalen Temperatur korreliert. Der beobachtete Meeresspiegelanstieg
ist also eine Folge der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung.
Der erdgeschichtliche Beitrag zur aktuellen Meeresspiegeländerung,
der vom Ende der letzten Eiszeit vor rund zehntausend Jahren herrührt,
ist übrigens ein leichtes Absinken des globalen Meeresspiegels
um etwa 0,3 mm pro Jahr. Die Landmassen im Norden waren durch die
damaligen riesigen Eispanzer in die weiche Erdkruste hineingedrückt
und heben sich jetzt, dabei sinken Teile des umliegenden Meeresbodens
ab (u.a. die deutschen Nord- und Ostseeküsten).
Ein Anstieg des Meeresspiegels ist eine physikalisch
zu erwartende Folge einer Erwärmung, und zwar aus zwei Gründen.
Erstens nimmt das Volumen des Meerwassers durch seine Erwärmung
zu, da Wasser sich bei Erwärmung ausdehnt. Und zweitens nimmt
die Wassermenge im Weltmeer insgesamt zu, vorallem durch das Abschmelzen
der Eismassen auf Land. Für den Zeitraum 1961-2003 zeigen Abschätzungen
aus Daten, dass etwa ein Viertel des Anstiegs auf die thermische
Ausdehnung des Wassers zurückzuführen ist, für 1993-2003
etwa die Hälfte (diese beiden Zeitspannen wurden im IPCC-Bericht
für detaillierte Analysen ausgewählt).
Modellsimulationen mit Klima- und Eismodellen können
diese Effekte berechnen, allerdings noch nicht mit befriedigender
Genauigkeit. Für 1961-2003 ergeben die IPCC-Modelle im Mittel
eine Anstiegsrate um 1,2 mm/Jahr, gemessen wurden aber 1,8 mm/Jahr.
Die Modelle unterschätzen also den tatsächlichen Meeresspiegelanstieg.
Ähnliches galt übrigens bereits für die Modelle im
letzten IPCC-Bericht: im Zeitraum 1990-2006 stieg der Meeresspiegel
etwa 50% rascher als in den damals publizierten mittleren Szenarien
(Rahmstorf et al. 2007).
Wegen dieser Modellunsicherheiten insbesondere über
den Beitrag der abschmelzenden Eismassen sind Prognosen für
die Zukunft noch ungenau. Der IPCC-Bericht gibt – je nach
Emissionsszenario – einen Anstieg um 18 - 59 cm bis zum Jahr
2095 an. Allerdings ist dabei die Unsicherheit über mögliche
dynamische Veränderungen der Kontinentaleismassen nicht enthalten,
da eine seriöse obere Grenze dafür nicht abgeschätzt
werden kann. Dazu gehört z.B. ein beschleunigtes Abfliessen
der großen Auslassgletscher Grönlands ins Meer. Laut
Bericht könnten durch derartige Prozesse noch 10 cm, 20 cm
oder mehr zum Meeresspiegelanstieg hinzukommen. Unsere Unfähigkeit,
diese Prozesse im Kontinentaleis zu berechnen, gehört zu den
wichtigsten Wissenslücken, die durch weitere Forschung geschlossen
werden müssen, wenn man die Unsicherheit über die Auswirkungen
der Erderwärmung verringern will.
Die oben genannte Spanne von 18-59 cm enthält
kaum einen Beitrag der Kontinentaleismassen, da der IPCC-Bericht
davon ausgeht, dass ein Eiszuwachs in der Antarktis den Eisverlust
in Grönland weitgehend ausgleichen wird. Tatsächlich deuten
aber Messungen mit dem GRACE-Satelliten darauf hin, dass auch die
Antarktis insgesamt in den letzten Jahren an Eis verloren hat –
dies sind aber noch vorläufige Daten, da dieser Satellit erst
seit wenigen Jahren im Einsatz ist.
Die oben genannte Spanne enthält nicht die volle
Unsicherheit über die künftige Temperaturentwicklung:
es wurden dabei nur Szenarien mit einer globalen Erwärmung
bis zu 5,2 ºC berücksichtigt, obwohl die Unsicherheit
in den Temperaturszenarien bis 6,4 ºC angegeben wird. Zudem
wurde nicht berücksichtigt, dass die verwendeten Modelle bereits
den vergangenen Meeresspiegelanstieg deutlich unterschätzen.
Insgesamt ist die Unsicherheit im Meeresspiegelanstieg daher größer,
als es die Spanne 18-59 cm suggeriert. Bis zum Jahr 2100 ist ein
Anstieg bis zu einem Meter nicht auszuchließen, im schlimmsten
Fall vielleicht sogar noch darüber hinaus.
Der IPCC-Bericht analysiert auch die Meeresspiegeländerungen
in der Erdgeschichte. Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit,
vor 20.000 Jahren, war die globale Temperatur 4-7 ºC kälter
als derzeit, und der Meeresspiegel lag 120 Meter niedriger. Vor
der letzten Eiszeit gab es eine Warmzeit, das Eem, dessen Höhepunkt
125.000 Jahre zurück liegt. Damals waren die Temperaturen in
den nördlichen Polargebieten 3-5 ºC wärmer als heute
(wegen der veränderten Erdumlaufbahn), im globalen Mittel aber
wahrscheinlich kaum höher als jetzt. Der Meeresspiegel lag
dabei 4-6 Meter höher. Dies sind nur zwei Beispiele dafür,
dass Temperaturänderungen in der Erdgeschichte in der Regel
mit sehr großen
Meeresspiegelveränderungen verbunden waren. Verantwortlich
dafür ist das Wachsen und Schwinden der Kontinentaleismassen.
Auf Dauer – also über mehrere Jahrhunderte – müssen
wir bereits bei mittleren Erwärmungsszenarien mit mehreren
Metern Meeresspiegelanstieg rechnen. Der Anstieg bis zum Jahr 2100
dürfte erst der Anfang einer viel längerfristigen Entwicklung
sein, deren Ausmaß wir in den kommenden Jahrzehnten weitgehend
festlegen werden.
Der Meeresspiegelanstieg wird an verschiedenen Küsten
unterschiedlich ausfallen. Erstens steigt der absolute Meeresspiegel
nicht überall gleich, weil regional unterschiedliche Erwärmung,
eng verknüpft mit Veränderungen der Meeresströmungen,
die Neigung der Meeresoberfläche beeinflusst. Zweitens hebt
oder senkt sich auch das Land an manchen Küsten. An den deutschen
Küsten werden beide Effekte dazu beitragen, dass der Meeresspiegel
mehr als im globalen Mittel ansteigt. Die Landabsenkung als Nachwirkung
der letzten Eiszeit wird bis 2100 an unseren Küsten 10-20 cm
betragen. Außerdem wird laut IPCC-Bericht im Mittel mit einem
zusätzlichen Anstieg von 10-15 cm gerechnet, der mit der erwarteten
Abschwächung des Nordatlantikstroms zusammenhängt, die
in fast allen Modellen auftritt. Sollte der Nordatlantikstrom gar
ganz abreißen (ein Risiko, dem der Bericht bis 2100 eine Wahrscheinlichkeit
von bis zu 10% zumisst), dann wäre mit bis zu einem Meter zusätzlichen
Anstieg zu rechnen. Man kann also leider nicht ausschließen,
dass an unseren Küsten der Meeresspiegelanstieg bis zum Jahr
2100 auch um die zwei Meter betragen könnte.
Literatur
Rahmstorf, S., 2007: A semi-empirical approach
to projecting future sea-level rise. Science 315, 368-370.
Rahmstorf, S., et al. 2007: Recent Climate Observations Compared
to Projections. Science 316, 709.
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