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(Süddeutsche
Zeitung, 3./4. Juli 99)
Von Stefan Rahmstorf
In den
letzen Jahren hat sich eine stille Revolution in unserem Verständnis
des Klimas der Erde abgespielt. Das alte Bild ging von langsamen
Klimazyklen aus, durch die über viele Jahrtausende Eiszeiten
entstehen und wieder vorübergehen, angetrieben von den langsamen
zyklischen Veränderungen der Erdbahn um die Sonne. Dieses Bild
ergab sich vor allem aus den Schlammschichten am Grund der Ozeane,
die sich im Laufe der Jahrmillionen abgelagert haben und aus denen
man durch Bohrungen Klimadaten gewinnen kann.
Weil sich in tausend
Jahren an den meisten Orten nur einige Zentimeter Schlamm ablagern,
konnte man in den Sedimenten zunächst nur die langsamen Klimazyklen
erkennen. Man sah zum Beispiel, daß die letzte Eiszeit vor
rund 120,000 Jahren begann und vor 10,000 Jahren endete; die seither
herrschende stabile Warmperiode, das Holozän, war die Voraussetzung
für die Entwicklung der Landwirtschaft und der modernen menschlichen
Zivilisation. Während der Eiszeit mußten sich unsere
europäischen Vorfahren mit der Jagd auf pelzige Mammute in
den eisigen Steppen durchschlagen.
Sprünge
im Klima
Ein ganz neues
Bild der Klimageschichte ergab sich vor allem aus den Bohrkernen im
Grönland-Eis, die eine wesentlich feinere zeitliche Auflösung
erlauben. Im Eis kann man sogar die einzelnen Jahresschichten der
winterlichen Schneefälle erkennen, ähnlich den Jahresringen
bei Bäumen. Zusätzlich zu den schon bekannten langsamen
Zyklen zeigten sich nun abrupte Klimawechsel, bei denen sich die klimatischen
Bedingungen innerhalb von wenigen Jahren dramatisch verändert
haben. So kam es gegen Ende der letzten Eiszeit, als das Klima sich
bereits weltweit erwärmte, zu einem plötzlichen Rückfall
in eine extreme Kaltphase: die sogenannte Jüngere Dryas, die
fast tausend Jahre andauerte. Während der letzten Eiszeit zählte
man insgesamt 24 solcher abrupten Klimastürze. Das Klimasystem
hat offenbar die Tendenz, plötzliche Sprünge zu machen.
Diese Erkenntnis könnte für das kommende Jahrhundert wichtig
werden, wenn der Mensch zunehmend in das Klimageschehen eingreift.
Die Ursachen
für die Klimasprünge sind noch nicht völlig verstanden.
Alles deutet jedoch darauf hin, daß sie nicht durch plötzliche
Änderungen in äußeren Faktoren wie der Sonneneinstrahlung
ausgelöst werden, sondern im sprunghaften Charakter des Klimasystems
selbst begründet sind. Anders gesagt: Beim Klima handelt es
sich um ein stark nicht-lineares System.
Lineare Systeme
sind sehr einfach: Wenn man sie "reizt", reagieren sie um so stärker,
je stärker der Reiz ist. Der Zusammenhang zwischen Reiz und
Reaktion ist eine Gerade, er ist eben "linear". Dreht man den Wasserhahn
zwei Umdrehungen auf, fließt doppelt so viel Wasser wie bei
einer Umdrehung. (Im Idealfall - über die lästige Nichtlinearität
von Hotelduschen möchte ich hier nicht sprechen.) Komplexe
Systeme sind fast immer stark nicht-linear. Charakteristisch ist
eine Tendenz zur Selbstregulierung und zum plötzlichen Übergang
in einen qualitativ anderen Zustand, wenn ein kritischer Punktuuml;berschritten
wird. Ein Beispiel ist der menschliche Körper. In einem weiten
Bereich von Außentemperaturen, von tropischer Hitze bis zu
eisiger Kälte, kann er seine Temperatur regulieren und nahe
an 37 C halten. Setzt man ihn jedoch zu lange zu großer Kälte
aus, fällt die Körpertemperatur auf einmal dramatisch
(und dauerhaft) ab, und der Tod tritt ein.
Auch das Klimasystem
hat offenbar im Rahmen bestimmter Grenzen eine Fähigkeit zur
Selbstregulierung. Ein interessantes Beispiel dafür ist die
Sahara. Schon Alexander von Humboldt folgerte nach seiner Reise
ins Amazonasgebiet, daß der Regenwald selbst Wolken und Regen
erzeugt, und spekulierte, daß auch in der Sahara genug Regen
für üppiges Wachstum fallen würde, wenn die Bäume
erst einmal da wären. Meine Kollegen am Potsdam-Institut haben
mit Hilfe von Computersimulationen gezeigt, daß eine grüne
Sahara in der Tat die Tendenz hätte, feuchte Atlantikluft und
Monsunregen anzuziehen.
Schwimmer
in der Sahara
Zu Beginn des
Holozän war die Sahara tatsächlich grün. Davon zeugen
nicht nur die Felsmalereien in der berühmten "Höhle der
Schwimmer" im Gilf Kebir (vor der sich damals ein See erstreckte),
sondern auch viele Funde zum Beispiel von Flußpferdknochen.
Durch die langsame Änderung der Erdbahn relativ zur Sonne wurden
die Bedingungen für Monsunregen in der Sahara im Laufe der Jahrtausende
immer ungünstiger. Interessant ist, daß die Vegetation
nicht etwa ebenso langsam (linear!) abnahm, sondern sich bis zu einem
gewissen Punkt fast vollständig halten konnte, dann aber plötzlich
ganz verdorrte. Die Sahara kippte innerhalb von relativ kurzer Zeit
zu der trockenen Wüste um, die sie bis heute geblieben ist. Das
zeigen Daten und Computersimulation übereinstimmend. Die über
weite Landstriche in der Sahara verstreut lebende Bevölkerung
mußte fliehen und drängte sich im Niltal zusammen, was
vermutlich mit zum Entstehen der Pharaonischen Hochkultur beigetragen
hat. Ein
anderes, inzwischen recht gut erforschtes Beispiel für Nichtlinearität
im Klimasystem sind die Strömungen im Atlantik. Quer durch
den ganzen Atlantik, vom Kap der Guten Hoffnung im Süden bis
nach Spitzbergen im Norden, findet eine gigantische Umwälzbewegung
des Wassers statt, bei der das Meerwasser an der Oberfläche
nordwärts strömt, dann absinkt und in zwei- bis dreitausend
Metern Tiefe wieder nach Süden zurückkehrt. Der Golfstrom
vor der nordamerikanischen Küste und seine Verlängerung
nach Europa, der Nordatlantikstrom, sind nur Etappen in diesem Stromsystem,
das durch Dichteunterschiede im Meerwasser angetrieben wird. Dort
wo die größten Dichten erreicht werden, in der Grönlandsee
und der Labradorsee, sinkt das Wasser in die Tiefe und zieht damit,
dem Abfluß einer Badewanne nicht unähnlich, immer neues
Wasser nach Norden. Die dabei umgewälzte Wassermenge ist zwanzig
mal so groß wie die Strömung aller Flüsse der Erde
zusammengenommen.
Wenn
der Golfstrom kippt
Weil das nach
Norden strömende Oberflächenwasser wesentlich wärmer
ist als das zurückströmende Tiefenwasser (das ja arktischen
Ursprungs ist), funktioniert dieses System wie eine Zentralheizung
für Europa. Riesige Wärmemengen, die in etwa der Leistung
einer halben Million großer Kraftwerke entsprechen, werden in
den Nordatlantik transportiert. Dort wird die Wärme an die Luft
abgegeben, bevor sie mit den Westwinden nach Europa gelangt. Daher
ist es im Winter bei uns bei Ostwind so bitterkalt, bei Westwindwetter
jedoch mild. Schaut man auf Klimakarten, dann sieht man, daß
es in Norddeutschland eigentlich rund fünf Grad zu warm ist für
den Breitengrad - die entsprechenden Breiten Kanadas sind wesentlich
kälter, selbst an der Pazifikküste. Anders als der Atlantik
hat nämlich der Pazifik keine eingebaute Zentralheizung.
So weit,
so gut für uns Europäer. Doch leider hat das atlantische
Stromsystem einen Haken: Es ist nicht ganz stabil. Zwar hat unsere
Heizung während der letzten zehntausend Jahre offenbar tadellos
funktioniert, wenn auch vielleicht mit kleineren Schwankungen. Davor
hat sie jedoch erheblich gestottert und ist wiederholt sogar völlig
zusammengebrochen, während der oben erwähnten Klimastürze
innerhalb der Eiszeit. Das verraten die Tiefseesedimente.
Der Grund für
das eigenartige Verhalten der Strömung konnte durch Computersimulationen
entschlüsselt werden und läßt sich einfach verstehen.
Um schwer genug zum Absinken zu sein, muß das Wasser im Nordatlantik
genug Salz enthalten, denn Salz erhöht die Dichte. Dem entgegen
wirken jedoch die Niederschläge, die das Wasser verdünnen.
Dieser Verdünnungseffekt greift jedoch nicht, solange immer
neues, salziges Wasser von Süden her nachströmt. Kurz
gesagt: Die Strömung fließt, weil das Wasser salzig ist,
und das Wasser ist salzig, weil die Strömung fließt.
Ein klarer Fall eines sich selbst aufrecht erhaltenden Systems.
Erhöht man die Niederschläge über dem Nordatlantik
immer mehr (solche Versuche kann man im Computer machen), schwächt
sich die Strömung zunächst nur wenig ab. Irgendwann kommt
jedoch ein Punkt, wo der Nachstrom von salzigem Wasser zu schwach
wird, die Niederschläge verdünnen das Wasser, der Strom
wird noch schwächer - ein Teufelskreis, der zum völligen
Zusammenbruch der Strömung führt. Ein klassisches nichtlineares
System, das sich innerhalb gewisser Grenzen selbst reguliert, bei
Überschreiten dieser Grenzen aber regelrecht umkippt.
Die Brisanz dieser
Erkenntnis liegt darin, daß durch den vom Menschen verursachten
Treibhauseffekt die Niederschläge im Nordatlantik aller Voraussicht
nach zunehmen werden. Schon 1987 warnte der amerikanische Klimaforscher
Wallace Broecker in einem aufsehenerregenden Artikel mit dem Titel
"Unpleasant Surprises in the Greenhouse" (Unangenehme Überraschungen
im Treibhaus) vor der Möglichkeit, daß der Mensch durch
den Treibhauseffekt die Atlantikströmung zum Kippen bringen
könnte. Seither arbeiten Forschergruppen weltweit daran, die
Stabilität dieser Strömung genauer zu untersuchen.
Im
Treibhaus könnte es kalt werden
Nach dem jetzigen
Wissensstand besteht zwar sicher kein Anlaß zur Panik, aber
auch kein Grund zur Entwarnung. Wahrscheinlich wird sich die Atlantikströmung
in den kommenden Jahrzehnten spürbar abschwächen - darin
stimmen die Simulationen der verschiedenen Institute weitestgehend
überein. Obwohl damit Europas Heizung langsam heruntergefahren
wird, führt dies nicht zu einer Abkühlung - denn gleichzeitig
erwärmt sich ja die ganze Erde durch den Treibhauseffekt, und
dieser Effekt überwiegt auch in Europa.
Was auf
längere Sicht geschieht, ist weit weniger sicher. Wenn der
Mensch weiter ungebremst die dünne Lufthülle unseres Planeten
mit Treibhausgasen wie Kohlendioxid anreichert, könnte das
Klima in die Nähe des Abrißpunktes des Nordatlantikstroms
kommen. Wo genau dieser Punkt liegt, und ob und wann er überschritten
werden könnte, läßt sich wegen der Ungenauigkeit
heutiger Klimamodelle nicht eindeutig sagen. Auch dies ist eine
Eigenschaft nicht-linearer Systeme: Die Vorausberechnung künftiger
Trends ist wesentlich schwieriger als bei linearen Systemen. Die
Existenz von kritischen Punkten, bei deren Überschreiten das
Klima kippen kann, läßt sich zwar prinzipiell gut verstehen,
aber deren genaue Lage und das Verhalten des Klimas in der Nähe
solcher Punkte ist schwer zu berechnen. Für unseren Umgang
mit dem Klimasystem bedeuten die neuen Erkenntnisse vor allem eines:
größere Unsicherheit. Je weiter wir das Klima von seinem
heutigen Gleichgewicht wegtreiben, desto größer wird
das Risiko von unangenehmen Überraschungen. Broecker hat es
einmal so formuliert: Das Klima ist ein unberechenbares wildes Tier,
und wir pieksen es mit Stöcken und reizen es.
Wie könnte
ein Abriß des Nordatlantikstroms aussehen? Wir haben am Potsdam-Institut
einige Szenarien durchgerechnet und dabei festgestellt, daß
die Temperaturen in Europa zunächst deutlich ansteigen würden,
wenn auch etwas weniger als die globale mittlere Temperatur - in
unserem Szenario um rund drei Grad bis zum Jahr 2100. Dann folgt
der Kollaps und ein Temperatursturz zurück auf den vorindustriellen
Wert. In den folgenden Jahrhunderten, wenn der Kohlendioxidgehalt
der Atmosphäre langsam wieder abnimmt (da die Menschheit vermutlich
nicht endlos weiter im heutigen Maße fossile Brennstoffe nutzen
wird), sinken die Temperaturen in Europa immer weiter ab, bis sie
letzlich rund fünf Grad kälter wären als derzeit.
Eine regelrechte Achterbahnfahrt für uns Europäer, die
ständige Anpassungen, erst an wärmeres und dann an kälteres
Klima, erfordern würde. Am Ende wäre es so kalt und trocken,
daß Landwirtschaft kaum noch möglich wäre.
Der dann erreichte
neue Klimazustand - eine Erde ohne die "Zentralheizung" Nordatlantikstrom
- ist übrigens in unseren Rechnungen über Jahrtausende
stabil. Die Menschheit könnte also durch eine vorübergehende
Störung, nämlich den nur wenige Jahrhunderte währenden
fossilen Brennstoffboom, den Planeten dauerhaft in einen völlig
anderen Klimazustand kippen.
Ein
Jahrtausend-Risiko
Ob wir einen
so tiefgreifenden Eingriff in das Klimasystem riskieren dürfen,
ist letztlich eine ethische Frage. Für viele Menschen ist es
sicher schwer vorstellbar, daß das eigene Handeln auf viele
Jahrhunderte hinaus Folgen haben kann.Wir sind nicht gewohnt, so weit
in die Zukunft zu blicken. Andererseits freuen wir uns über die
Kirchen und Kunstschätze, die uns das Mittelalter hinterlassen
hat - hätten die damaligen Menschen aber Europa aus Gier nach
materiellem Wohlstand in eine unwirtliche Steppe verwandelt, unser
vernichtendes Urteil wäre ihnen gewiß.
Aus der
rein sachlichen Sicht des Klimaforschers, der das Auf und Ab des
Klimas über Jahrmillionen rekonstruiert und zu verstehen sucht,
ist natürlich kein Klimazustand "besser" als ein anderer, und
der stetige Wandel ist die Regel. Doch als Bewohner eines mit sechs
Milliarden Menschen bevölkerten Planeten, die großenteils
um das Nötigste zum Leben kämpfen, erscheint die Gefahr
größerer und rascher Klimawandel beklemmend. Unsere Ökosysteme,
Landwirtschaft und Siedlungsstrukturen sind an das heutige Klima
angepaßt; jeder zu starke und rasche Wechsel kann zu großer
Not führen. Gerade die Erkenntnis, daß das Klimasystem
zu plötzlichen Sprüngen neigen kann, sollte uns sehr vorsichtig
machen.
Wir haben
heute die technologisch fortgeschrittenste und wirtschaftlich potenteste
Kultur, die dieser Planet bislang gesehen hat. Wir können bei
klugem und vorausschauendem Handeln die Klimaänderungen in
erträglichen Grenzen halten und das wilde Tier nicht zu stark
reizen. Doch haben wir auch die moralische Stärke, für
die langfristigen Folgen unseres Handelns die Verantwortung zu übernehmen?
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