| |
Potsdam, den 05.01.2001
Sperrfrist: 10.01.2001, 20 Uhr
Zwei Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung
haben eine schlüssige Erklärung für die drastischen Temperaturwechsel
gefunden, die das Klima der letzten Eiszeit zu einer Achterbahnfahrt machten.
Durch Computersimulationen konnten sie zeigen, dass die Meeresströmungen
des Atlantiks während dieser Eiszeit besonders instabil waren. Schon
kleinste Störungen konnten damals einen Vorstoß der warmen Atlantikströmung
ins Nordmeer und damit eine plötzliche Erwärmung von bis zu zehn
Grad innerhalb eines Jahrzehnts auslösen. Das heutige Klima ist nach
diesem Modell wesentlich stabiler - dennoch ist es durch den Treibhauseffekt
gefährdet.
Die letzte Eiszeit begann vor etwa 100.000 Jahren und
endete vor 10.000 Jahren. Die abrupten Klimawechsel, die innerhalb dieser
Eiszeit immer wieder stattgefunden haben, stellten bislang eines der großen
Rätsel der Klimaforschung dar. Eisbohrungen in Grönland in den
80er Jahren hatten gezeigt, dass es mehr als zwanzig mal zu plötzlichen
Erwärmungen um bis zu zehn Grad innerhalb eines Jahrzehnts gekommen
war. Diese als Dansgaard-Oeschger-Ereignisse (D/O-Ereignisse im Fachjargon)
bekannten Klimaabweichungen erwärmten zumindest den gesamten Nordatlantikraum
und dauerten jeweils einige hundert bis tausend Jahre an. Als Ursache wurden
von Anfang an Änderungen in den Atlantikströmungen vermutet.
Bohrungen in Tiefseesedimenten belegen dies. Ein konkreter, auch in Modellrechnungen
nachvollziehbarer Mechanismus für diese Änderungen fehlte jedoch
bislang. Zwar gab es zahlreiche Simulationen eines möglichen Zusammenbruchs
der Atlantikströme - doch damit konnte nur eine Abkühlung des
Klimas erklärt werden, nicht aber die warmen D/O-Ereignisse. Außerdem
kann ein solcher Zusammenbruch nur durch eine massive äußere
Störung, wie etwa eine große Schmelzwasserflut in den Atlantik,
verursacht werden.
Zwei Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung,
Andrey Ganopolski und Stefan Rahmstorf, legten nun erstmals Rechnungen
vor, die den charakteristischen Zeitverlauf und auch die räumliche
Ausdehnung der D/O-Ereignisse korrekt wiedergeben (Nature, 11.1.2001).
Die Berechnungen der beiden Forscher zeigten, dass es während der
Eiszeit drei unterschiedliche Zustände des Atlantik geben konnte.
Im normalen, kalten Zustand, der während der Eiszeit meistens herrschte,
floss warmes Oberflächenwasser aus den Tropen nur bis südlich
von Island, wo es seine Wärme an die Luft abgab, in die Tiefe versank
und als kalter Tiefenstrom nach Süden zurückfloss. Auch möglich,
wenngleich nicht stabil, waren jedoch noch zwei andere Strömungszustände:
ein ungewöhnlich warmer Klimazustand, in dem das warme Atlantikwasser
über Island hinaus bis ins Nordmeer vordrang (ähnlich wie im
heutigen Klima), und ein extrem kalter Zustand, in dem die Strömung
völlig abriss. Die Potsdamer Forscher glauben, dass D/O-Ereignisse
einem plötzlichen Umschalten der Strömung vom Normalzustand in
den warmen Zustand entsprechen, also einem episodenhaften Vordringen von
warmem Atlantikwasser ins Nordmeer, das die im Grönlandeis gefundenen
plötzlichen Erwärmungen erklärt.
Doch was war der Auslöser dieser dramatischen Strömungsänderung?
Und weshalb gingen diese warmen Episoden immer nach einigen Jahrhunderten
wieder vorüber? Systematische Analysen der Potsdamer Wissenschaftler
zeigten, dass der Atlantik während der Eiszeit regelrecht auf der
Kippe stand: kleinste Störungen genügten, um die warme Strömung
ins Nordmeer vordringen zu lassen. Da dieser Strömungszustand aber
nicht stabil war, gingen die D/O-Ereignisse ganz von alleine wieder zu
Ende. Der schwache Auslöser, der sich durch die damalige Instabilität
des Atlantik zu solch dramatischen Folgen aufschaukelte, könnte eine
Schwankung in der Sonne gewesen sein. Viele Indizien sprechen dafür,
dass es einen Sonnenzyklus mit 1,500jähriger Periode gibt - D/O-Ereignisse
treten häufig genau im Abstand von 1,500 Jahren auf.
Und im heutigen Klima? Seit Ende der letzten Eiszeit,
also bereits seit zehntausend Jahren, sind so dramatische Klimawechsel
nicht mehr aufgetreten. Auch dafür haben Ganopolski und Rahmstorf
eine Erklärung. Denn in Warmzeiten ändert sich die Stabilität
der Atlantikströmungen: Der warme Strömungszustand ist im Gegensatz
zur letzten Eiszeit der stabile Normalfall, auch die Schwankungen der Sonne
können ihm nichts anhaben. Der Atlantik steht in Warmzeiten nicht
auf der Kippe. Grund zur Entwarnung ist dies aber nicht: frühere Berechnungen
mit demselben Modell (Climatic Change 43, 353-367) zeigten bereits, dass
eine hinreichend große Störung auch im vergleichsweise stabilen
heutigen Klima die Atlantikströmung zum Abreißen bringen könnte.
Eine solche folgenreiche Störung könnte durch den Treibhauseffekt
entstehen, wenn die Menschheit weiterhin ungebremst Kohlendioxid und andere
Treibhausgase in die Atmosphäre bläst.
Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Rahmstorf, Tel.: 0331 288 2688, E-mail: Rahmstorf@pik-potsdam.de
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de/~stefan
Illustrationen:
http://www.pik-potsdam.de/~stefan/sampleimages.html
Originalartikel:
http://www.pik-potsdam.de/~stefan/rapid.pdf
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:
Margret Boysen
Tel.: 0331 288 2507
Fax: 0331 288 2552
E-mail: info@pik-potsdam.de
Hinweise für Journalisten und Agenturen: Bitte beachten
Sie die Sperrfrist. Sie endet am Mittwoch, den 10. Januar um 20 Uhr. Nachrichtenagenturen
dürfen diese Nachrichten 24 Stunden vor dem offiziellen Ende der Sperrfrist
herausbringen, wenn sie die Sperrfrist am Anfang der Nachricht vermerken!
Der Abdruck des Textes ist, auch in Auszügen, erlaubt, wenn Sie ein
Belegexemplar an die unten stehende Adresse schicken. Die englische Version
dieser Pressemitteilung finden Sie auf der Press Service-Seite des PIK
unter
http://www.pik-potsdam.de/press
.
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
PF 60 12 03
D-14412 Potsdam.
|