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Nicht das Klima spielt verrückt, sondern der Mensch


In: Kenntemich, W. (Hg.) Die Jahrhundertflut, Bertelsmann, München, 2002, 227-244


Die Menschheit führt seit Beginn der Industriellen Revolution ein unerhörtes Großexperiment mit unserem Planeten durch: Als im 18. Jahrhundert die Wälder Europas kahlgeschlagen waren, suchte man verzweifelt nach einer neuen Energiequelle für die abendländische Zivilisation. Die Lösung hieß Kohle, welche im Verein mit bahnbrechenden technischen Neuerungen die moderne Gesellschaft mit ihrem beispiellosen Wohlstand hervorbrachte. Einen zusätzlichen Entwicklungsschub lieferte die Erschließung gigantischer Erdölreservoire nach dem 2. Weltkrieg, wodurch die Globalisierung mit ihrem weltweiten Transport von Personen und Gütern überhaupt erst möglich wurde.

Fossile Brennstoffe, die sich über viele Millionen Jahre im Schoße der Erde gebildet haben, stellen also den Lebenssaft der Industriegesellschaft dar. Als die OPEC-Länder in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts wegen des Nahostkonflikts die großen Ölkrisen heraufbeschworen, stotterte der Motor der Weltwirtschaft. Die Sorge um die künftige Verfügbarkeit von Kohle, Erdgas und Erdöl wurde daraufhin zum überragenden politischen Thema. Auch heute ist diese Sorge keinesfalls gegenstandslos, denn die politischen Kontrollen über die fossilen Energieressourcen sind höchst ungleich verteilt, und die konventionellen Lagerstätten werden in spätestens 200 Jahren vollkommen erschöpft sein. Viel früher jedoch wird uns eine scheinbar vernachlässigbare Nebenwirkung des Brennstoffverbrauchs vor eine Herkulesaufgabe stellen, deren Lösbarkeit noch völlig ungewiß ist:

Mit dem Verbrauch von Energieträgern wie Erdöl in Motoren und Heizungen werden nämlich unsichtbare Gase in die Atmosphäre entlassen – zur Zeit allein mehr als 20 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2) jährlich! Kohlendioxid ist ein sogenanntes Treibhausgas; dieser Name weist auf die Fähigkeit hin, die von der Erdoberfläche ins kalte Weltall strebende Wärmestrahlung wieder zum Boden zurückzuwerfen und damit ein aufgeheiztes Treibhausklima für den ganzen Planeten zu erzeugen. Ohne Treibhausgase in der Lufthülle der Erde wäre höheres Leben nicht existenzfähig, aber der Energiehunger der Menschheit hat die natürlichen Gasanteile von Kohlendioxid bereits um 30 (Kohlendioxid) bis 150 (Methan) Prozent erhöht – dies ist das Großexperiment von dem ich eingangs sprach. Sein Ausgang zeichnet sich immer deutlicher ab: Der verstärkte Treibhauseffekt wird die Erde spürbar erwärmen, das Weltklima verändern und dadurch einen gewaltigen Anpassungsdruck für Natur und Kultur aufbauen, dem Vieles nicht standhalten wird. Die große Flut im August 2002 gibt einen Vorgeschmack auf die schauderhafte Suppe, die wir uns selbst eingebrockt haben.



Menetekel am Himmel


Die Bibel berichtet über eine furchterregende Begebenheit, die der Prophet Daniel selbst erlebt und gedeutet hat. Während eines nächtlichen Festmahls des babylonischen Königs Belsazars schrieb plötzlich eine Geisterhand die Worte "mene, mene, tekel, upharsin" an die Palastwand. Diese Warnung in aramäischer Sprache wies auf den baldigen Untergang von Belsazars' Herrschaft hin, und der verkürzte Ausdruck "Menetekel" bezeichnet deshalb in zahlreichen Kulturen heute ein ernstzunehmendes Warnzeichen vor künftigen Schrecken. Ist nun die August-Flut ein solches Menetekel, das auf unwiderlegbare Weise vom beginnenden Klimawandel, ja gar von der näherrückenden "Klimakatastrophe" kündet?

Die Antwort auf diese einfach gestellte Frage muß leider kompliziert ausfallen: Das Ereignis, das Mitteleuropa so schwer getroffen hat, fügt sich perfekt in die zu erwartende Gesamtentwicklung eines vom Menschen gestörten Naturhaushaltes ein. Für sich allein betrachtet beweist es allerdings gar nichts – außer unserer dramatischen Verwundbarkeit gegenüber den Umweltkräften, die wir bereits zu beherrschen glauben. Denn das Klima ist die langjährige Gesamtheit aller Wettererscheinungen in einer bestimmten geographischen Region. So wenig, wie man wegen einer einzigen Hitzewelle von über 40 Grad Celsius in Deutschland sagen könnte, daß unsere Umwelt jetzt subtropisch geworden sei, so wenig kann das Auftreten einer einzelnen "Genua-Zyklone" den Beweis für das Umkippen des Weltklimas erbringen.

Eine solche Genua-Zyklone, also ein umfangreiches sommerliches Tief über dem nordwestlichen Mittelmeer, war der Ausgangspunkt jener fatalen Wirkungskette, die das Verderben über Ostdeutschland, Österreich, Tschechien und viele andere europäische Länder brachte. Wenn das Azorenhoch durch starke atlantische Luftbewegungen nach Südwesten zurückgedrängt wird, schießen über dem erhitzten Mittelmeer riesige Wolkentürme in den Himmel, deren ungeheuere Regenfracht unter gewissen Umständen nordostwärts über die Alpen, das Riesengebirge oder die Karpaten zu ziehen beginnt. Die Meteorologen sprechen in diesem Fall von einer 5b-Wetterlage, deren Auswirkungen gefürchtet sind. Wie in diesem August ergießen sich oft sintflutartige Regen über diejenigen Landschaften, wo der Wolkenzug ins Stocken gerät – in Stunden können Niederschlagsmengen anfallen, wie sie sonst nur in Monaten zusammenkommen. Treffen diese Wassermassen nun auf ein weitgehend kanalisiertes Flußsystem ohne natürliche Rückhalteflächen, dann erzwingen Bäche und Ströme die Rückkehr in ihr altes Bett, wo man inzwischen aber ungeheuere Mengen an öffentlichen und privaten Gütern etabliert hat. Törichterweise wurden in den letzten Jahrzehnten, vor allem aus Hang zum Pittoresken, gerade diejenigen Areale vorrangig besiedelt, die am meisten von Überschwemmungen gefährdet sind.

Die 5b-Wetterlage vom August 2002 war nun besonders stark ausgeprägt - noch prononcierter als das atmosphärische Muster vom gleichen Typ, das 1997 das berüchtigte Oderhochwasser mit verheerenden Schäden vor allem in Polen bewirkte. Als Menetekel des menschgemachten Klimawandels könnte allerdings selbst das Ausmaß und das rasche Aufeinanderfolgen dieser beiden Extremereignisse nicht gedeutet werden. Aber im komplexen Klimageschehen kann man auch nicht eine einzelne Geisterhand erwarten, die eindeutige Warnzeichen an den Himmel schreibt. Vielmehr sind derzeit viele symbolische Hände dabei, verwirrende und teilweise widersprüchliche Botschaften an die Mauern der Natur zu kritzeln, und das Ganze nimmt die Form eines erschreckenden Graffiti an: Wirbelstürme in der Karibik, Waldbrände in den USA, Dürre in Westindien, schwerste Monsunregen in Südostasien, Kältewellen in Südafrika usw. usw.. Die Klimamaschinerie scheint weltweit in eine gefährliche Schlingerbewegung geraten zu sein, und die Indizien häufen sich, daß unsere Zivilisation einen gewichtigen Anteil daran hat.

Um die Menetekel der Gegenwart zu interpretieren, werden sinnvollerweise statt Propheten Wissenschaftler herangezogen, die sich allerdings gelegentlich wie "Erleuchtete" gebärden. Um Ausmaß und Folgen des menschlichen Großexperiments mit der Atmosphäre so objektiv wie möglich bewerten zu können, haben die Vereinten Nationen einen historisch beispiellosen Untersuchungsprozeß in Gang gesetzt, der aber dem Ernst der Klimaproblematik durchaus angemessen ist: In einem weltumspannenden Gremium (englischer Name: Intergovernmental Panel on Climate Change, abgekürzt IPCC) trifft sich die gesamte einschlägige Fachwelt aus Meteorologen, Physikern, Hydrologen, Ökologen, Sozialwissenschaftlern und Ingenieuren, um alle fünf Jahre einen "Sachstandsbericht" zu verfassen, dessen Aussagen Zeile für Zeile mit den Regierungsvertretern aller Herren Länder auf sachliche Richtigkeit und politische Unparteilichkeit geprüft werden. Am dritten Bericht dieser Art, der letztes Jahr erschienen ist, waren direkt oder indirekt ca. 3000 Wissenschaftler beteiligt, d.h. die gesamte Fachkompetenz, die international verfügbar ist. Die IPCC-Dokumente sind voluminös und schwer verdaulich, aber sie stellen die seriöseste und ausgewogenste aller Informationsquellen zur Klimaproblematik dar. Wenn die Zeichen am Himmel überhaupt gedeutet werden können, dann durch dieses Gremium. Deshalb werde ich die Hauptaussagen des IPCC-Berichts 2001 im folgenden kurz zusammenfassen.




Der Klimawandel und seine Folgen



Daß sich die Erde in den letzten Jahrzehnten deutlich erwärmt hat, ist unstrittig. Die 1990er-Jahre waren die Dekade mit den höchsten Durchschnittstemperaturen, 1998 war das heißeste Jahr seit Beginn der regelmäßigen Wetterbeobachtung. Aber alles deutet darauf hin, daß 2002 die bisherigen Rekorde noch brechen wird. Tendenz: Weiter rapide steigend. Diese Entwicklung ist mit großer Wahrscheinlichkeit überwiegend vom Menschen selbst verursacht – natürliche Faktoren wie die Schwankungen der Sonneneinstrahlung spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle, auch wenn sie nicht vernachlässigt werden dürfen.

Mit Computermodellen versucht die Wissenschaft die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Klimasystems zu simulieren. Diese Modelle gehören zu den aufwendigsten Instrumenten, derer sich die moderne Forschung bedient; die entsprechenden Kalkulationen lassen sich nur auf den leistungsfähigsten Supercomputern der Welt durchführen. Typischerweise müssen Tausende von vernetzten Umweltprozessen und Milliarden von Detaildaten bei einer einzigen Simulation berücksichtigt werden. Obwohl die Modelle noch nicht alle Kinderkrankheiten überwunden haben und wichtige Naturvorgänge (z.B. die Treibhauswirkung der Wolken) noch nicht zufriedenstellend verstanden sind, wächst das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit dieser Instrumente von Jahr zu Jahr. Hierzu tragen nicht zuletzt die am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erzielten Ergebnisse bei, wo mit einem speziellen Modell die Klimaschwankungen der letzten 120.000 Jahre (!) nachgezeichnet und schlüssig erklärt werden konnten.

Blickt man nun mit den Klimamodellen in die Zukunft, dann ergibt sich ein ziemlich beunruhigender Befund: Wenn die Menschheit ihr Großexperiment unbekümmert fortsetzt und immer mehr Treibhausgase gen Himmel schickt, dann wird die globale Mitteltemperatur im 21. Jahrhundert nochmals um 1,4 bis 5,8 Grad Celsius ansteigen. Um diese Projektion richtig einordnen zu können, müssen drei Dinge betont werden: 1. Der große Unterschied zwischen Ober- und Untergrenze in der Erwärmungserwartung hängt vor allem mit unterschiedlichen Annahmen über die Entwicklung von Weltwirtschaft, Technologie, internationaler Kooperation und Bevölkerungswachstum zusammen. 2. Selbst der "Durchschnittswert", also 3,6 Grad Celsius menschgemachter Erderwärmung in diesem Jahrhundert, entspricht bereits nahezu dem Unterschied zwischen einer Eis- und einer Warmzeit dieses Planeten. Da sich die Erde gegenwärtig ohnehin schon am Scheitelpunkt ihrer natürlichen Fieberkurve befindet, würde der zusätzliche Temperaturschub sie in eine "Heißzeit" katapultieren – mit einer in der bisherigen Zivilisationsgeschichte einmaligen Geschwindigkeit. 3. Mit weniger als etwa 1,5 Grad Celsius Erwärmung im 21. Jahrhundert kommt die Menschheit selbst bei optimistischsten Einschätzungen nicht mehr davon. Und selbst dies würde bereits eine riesige Belastung für unsere Umwelt darstellen.

Denn die Wissenschaft versteht es auch immer besser, die Folgen der Erderwärmung zu erkennen und vorherzusagen. Zunächst die beobachtete Entwicklung: Mit dem Anstieg der globalen Temperatur haben die Niederschläge in den mittleren und hohen Breiten der Nordhalbkugel in den letzten Jahrzehnten zugenommen, über den traditionell dürregeplagten Subtropen aber leicht abgenommen. Damit verstärkt sich der Gegensatz zwischen feuchten und trockenen Regionen noch! Wegen der Bedeutung der Niederschlagstrends für die Thematik dieses Buches werde ich diese Entwicklung und ihre Auswirkungen im nächsten Abschnitt etwas ausführlicher darstellen.

Seit den 1960er-Jahren ist die Schneebedeckung der Erde um ca. 10 Prozent geschwunden; fast sämtliche Gletscher der Welt befinden sich auf einem massiven Rückzug. Die Meereisdecke im Nordpolargebiet ist in den letzten 30 Jahren um bis zu 40 Prozent dünner geworden. Unaufhaltsam steigt der Meeresspiegel mit ca. 1,5 mm pro Jahr an. Dies liegt zum Teil an den schmelzenden Eismassen in Grönland, den Alpen und im Himalaja, vorwiegend aber an dem schlichten physikalischen Effekt der Wasserausdehnung bei Erwärmung. Zahlreiche Ökosysteme haben bereits auf die noch moderaten Erwärmungen vieler Regionen reagiert: Das Frühjahrswachstum setzt um Wochen eher ein, die Verbreitungsgebiete vieler Pflanzen und Tiere verschieben sich polwärts, und manche Arten haben bereits schwere Schädigungen erfahren. Besonders betroffen sind die Korallenriffe der äquatorialen Meere, die großflächig abzusterben drohen.

Dies ist jedoch nur der Anfang einer Entwicklung, die unsere Umwelt von Grund auf verändern dürfte. Der IPCC-Bericht 2001 faßt die besorgniserregenden Perspektiven zum ersten Male in einer quantitativen Gesamtschau zusammen. Das Maß der Bedrohung durch den Klimawandel wird anhand von fünf Kriterien abgeschätzt, nämlich

  • Verlust von einzigartigen natürlichen und zivilisatorischen Systemen;
  • Zunahme von Extremereignissen;
  • Vertiefung der Gegensätze zwischen den Industriestaaten des Nordens und den Notstandsländern des Südens;
  • Gefährdung von Welternährung und –gesundheit;
  • Destabilisierung der großen Muster der planetarischen Dynamik (asiatischer Monsun, Golfstromsystem usw.).


Die Analyse, an der ich selbst in leitender Funktion beteiligt war, kommt anhand dieser Kriterien zu dem Schluß, daß eine weitere Erderwärmung um mehr als 2 Grad nicht mehr verkraftbar wäre: Das Meer würde dann zahlreiche Inseln verschlingen und das Auftauen von Frostböden ausgedehnte Infrastrukturen vernichten. "Naturkatastrophen" wie Orkane, Sturmfluten, Hitzewellen und Dürren würden über ein erträgliches Maß hinaus zunehmen. Die geopolitischen Spannungen würden durch die Tatsache, daß die Entwicklungsländer die Hauptschäden des Klimawandels erleiden müßten, erheblich verschärft. Die globale Wirtschaftsentwicklung würde durch Einbußen bei Landwirtschaft, Fischerei, Verkehr, Siedlungswesen und Wasserwirtschaft massiv gebremst. Selbst die Gefahr einer völligen Veränderung der bisherigen Betriebsweise der gesamten Klimamaschinerie wäre dann nicht mehr auszuschließen. Langfristig könnte dabei etwa das westantarktische Schelfeis abschmelzen und einen globalen Meeresspiegelanstieg von mehr als 5 Metern verursachen.

Wir stehen somit vor einem schier unauflösbaren Dilemma: Die Projektion der Erderwärmung durch die Modelle liegt im Mittel bei über 3 Grad Celsius, aber mehr als 2 Grad Celsius werden bereits als intolerierbar eingestuft. Was können wir tun?



Das Jahrhundert der Überschwemmungen



Bevor ich versuchen werde, auf die zuletzt gestellte und alles entscheidende Frage eine Antwort zu geben, möchte ich – wie oben versprochen – die uns besonders gegenwärtige Flutproblematik genauer beleuchten.

Seit Jahrzehnten ist zu beobachten, daß Überschwemmungen weltweit immer häufiger und zerstörerischer werden: Allein in den 1990er-Jahren gab es etwa zwei Dutzend katastrophale Flutereignisse mit Gesamtschäden von jeweils mehr als einer Milliarde Euro. Bei acht dieser Desaster kamen jeweils mehr als 1000 Menschen um. Das mörderischste Ereignis der jüngeren Überschwemmungsgeschichte war die Sturmflut von Bangladesh im April 1991, die über 140.000 Leben vernichtete. Materiell am verheerendsten war bisher die chinesische Sommerflut von 1998, die wirtschaftliche Schäden von über 30 Milliarden Euro verursachte. Die Kosten der mitteleuropäischen Augustflut dieses Jahres stoßen allerdings in denselben Bereich vor. Damit werden Überschwemmungen, langsam aber sicher, zu einem dominierenden Faktor der Versicherungsbilanzen. Beunruhigend ist zudem, daß gewaltige Flutereignisse immer häufiger in Gegenden auftreten, die sich – wie das Odereinzugsgebiet – bisher davor sicher fühlten.

Historiker werden nicht müde, darauf hinzuweisen, daß es auch in früheren Jahrhunderten "Sintfluten" gab (auch wenn das namensgebende Ereignis selbst eher ein Mythos ist). Dokumentiert sind die schreckliche "Thüringische Sintflut" von 1342, die Überflutung des gesamten Nürnberger Raumes im Jahre 1595, das Michaelis-Hochwasser von 1732, das wiederum Franken heimsuchte, und die große mitteleuropäische Flut von 1784. Aber die Häufung von "Jahrhundert- und Jahrtausendhochwassern" in den letzten Dekaden stimmt doch sehr bedenklich, vor allem weil klar ist, daß der Mensch hier seine ungeschickten Hände im Spiel hat: Ein Überschwemmungsdesaster wird durch fünf Hauptfaktoren bestimmt, nämlich Niederschlagsereignis, Abflußverhalten, Gerinnestruktur, Werteexposition und Katastrophenmanagement. Die letzten vier Faktoren werden durch unsere Zivilisation unmittelbar beeinflußt – durch Versiegelung der Landschaft, Flußbegradigungen, gewerbliche Erschließung von Auen und Eindeichungen. Daß hier oft unverzeihliche Fehler gemacht wurden, wird mit jeder Überschwemmung deutlicher, und man sollte jetzt endlich die raumplanerischen Lehren aus diesen Tragödien ziehen.

Sorgfältige wissenschaftliche Studien belegen jedoch, daß Faktor Nr. 1, also das Wasser, das in einem massiven Einzelereignis vom Himmel fällt, der wichtigste Auslöser der Katastrophe bleibt. Nur sind Häufigkeit und Umfang dieser Ereignisse nicht mehr allein Ausdruck eines göttlichen Willens oder einer übermächtigen Natur, sondern zunehmend ebenfalls vom Menschen beeinflußt – wenn auch viel indirekter durch die Verstärkung des Treibhauseffektes. Der physikalische Zusammenhang ist recht einfach: Wenn die Erde sich erwärmt, verdunstet mehr Wasser aus den Ozeanen, welches mit höheren Temperaturen auch besser von der Lufthülle aufgenommen und gespeichert werden kann. Durch den größeren Energiegehalt der Atmosphäre können sich aber auch viel stärkere Unwetter bilden, bei denen das Wasser sturzartig wieder zur Erde zurückkehrt.

Deshalb sagen die Klimamodelle übereinstimmend voraus, daß die Niederschläge im 21. Jahrhundert nicht nur allgemein zunehmen, sondern auch immer geballter als Starkregenereignisse auftreten werden. Die Häufigkeit solcher Ereignisse hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon um 2-4 Prozent in gewissen Regionen erhöht; dieser Trend wird sich vor allem in denjenigen Weltgegenden verstärken, die ohnehin durch schwere Regenfälle geprägt sind. Nordamerika und Nordasien dürften in diesem Zusammenhang zu besonderen Problemzonen werden, aber auch Nordeuropa sieht ausgesprochen nassen Zeiten entgegen. Da nun aber keine Landschaft auf Dauer eine wirklich massive Niederschlagsmenge aufsaugen und kein Flußgebietsmanagement der Welt beliebig hohe Flutwellen bändigen kann, wird dieses Jahrhundert zum "Jahrhundert der Überschwemmungen" werden. So sieht es jedenfalls die Wissenschaft und dennoch gibt es Möglichkeiten, die Schäden an Menschen und Gütern zu begrenzen. Dafür brauchen wir eine Klimaschutzpolitik, die kraftvoll im vollen Bewußtsein der wahren Problemdimensionen handelt.




Was sollen wir tun?



Die einzig vernünftige Schlußfolgerung aus der skizzierten Problemanalyse ist eine Doppelstrategie: den Klimawandel nicht ausufern lassen und sich weit vorausschauend an die unvermeidbaren Umweltveränderungen anpassen.

Beginnen wir mit dem Gegensteuern: Wie ich oben erläutert habe, müssen wir versuchen, ein schmales Zielfenster von 1,5-2,0 Grad Celsius Zusatzerwärmung innerhalb eines Planungshorizonts von 50 – 100 Jahren zu treffen. Denn das Klimasystem reagiert aus vielerlei Gründen ausgesprochen träge auf äußere Eingriffe, so daß heute eingeleitete Maßnahmen sich erst in Jahrzehnten auswirken werden. Wir haben es also mit einem extrem langen Bremsweg zu tun, was zugleich einen Segen und einen Fluch darstellt: Denn die Versuchung ist riesengroß, den Klimaschutz – wie bisher – auf die Schultern unserer Enkel abzuwälzen und dabei den richtigen Zeitpunkt zum Handeln zu verpassen.

Tatsächlich müssen wir schon heute beginnen, die Emissionen von Treibhausgasen aus Industrie, Verkehr und Haushalten spürbar einzuschränken, am besten weltweit um 1 Prozent pro Jahr während des ganzen 21. Jahrhunderts. Dabei sollten aber die reichen Länder vorangehen, denn sie haben seit ca. 200 Jahren die Atmosphäre als kostenlose Müllkippe benutzt und die Klimakrise überhaupt erst hervorgebracht. Betrachtet man allerdings die bisher beschlossenen umweltpolitischen Maßnahmen, dann muß man ein Gefühl der Verzweiflung unterdrücken: Das berühmt-berüchtigte Kyoto-Protokoll der Vereinten Nationen wird bis 2012 die globalen Treibhausgasemissionen wahrscheinlich nur um etwa 1 Prozent mindern und damit die Erderwärmung um weniger als ein Zehntel Grad abschwächen! Dieses Abkommen ist also in seiner jetzigen Form ein zahnloser Tiger.

Notwendig sind ganz andere Größenordnungen des Klimaschutzes: Bis 2025 müßten die globalen Emissionen um mindestens 20 Prozent reduziert werden, der Treibhausgasausstoß der Industrieländer bis zum Jahrhundertende sogar um ca. 80 Prozent. Wie soll dies zu schaffen sein? Nun, es gibt drei große Hebel, wo eine moderne Gesellschaft ansetzen kann, nämlich Energieeffizienz (weniger Energieeinsatz bei gleicher Energiedienstleistung), Substitution (Ersetzen von fossilen Brennstoffen durch erneuerbare Energiequellen) und Sequestrierung (Rückhaltung von Treibhausgasen beim technischen Verbrennungsprozeß). Deutschland könnte beispielsweise mit drei konkreten Maßnahmen vorangehen, die sich langfristig auch ökonomisch rechnen würden:

  1. Begrenzung der Neuzulassung von PKWs auf 3-Liter-Fahrzeuge ab 2010.

  2. Erhebung eines "Sonnencents", d.h. eines Aufschlags von 1 Prozent auf den Preis jeder mit fossilen Brennstoffen erzeugten Energiedienstleistung. Die gewonnenen Mittel sollten (anders als bei der problematischen Ökosteuer) in die Entwicklung regenerativer Energietechnologien (Solarzellen, Windkraftwerke, Geothermie, Biogasanlagen etc.) investiert werden.

  3. Verpflichtung aller großen konventionellen Kraftwerke, Erdölraffinerien und Zementfabriken zur physikalisch-chemischen Abtrennung der Treibhausgase (vornehmlich CO2) beim Verbrennungsprozeß und sachgerechter Deponierung der anfallenden "Klimaschlacke".


Dies sind nur einige der vielen Möglichkeiten des Klimaschutzes, die technisch, wirtschaftlich und sozial in den Wohlstandsländern realisierbar wären. Allerdings gilt es auch, die Entwicklungsländer so bald wie möglich mit ins Boot der Verantwortung zu holen. Denn in 20 Jahren werden Staaten wie China, Indien, Indonesien oder Brasilien mindestens ebensoviel zur Störung der Atmosphäre beitragen wie die heutigen Industrienationen. Hauptziel muß daher sein, die Entwicklung des Südens klimafreundlich zu gestalten und die Fehler des Nordens nicht zu wiederholen. Das bedeutet insbesondere, daß erneuerbare Energien aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse rasch zu den Schwungrädern des Fortschritts werden müssen. Dazu bedarf es wohl eines Globalen Marshallplans, der umfangreiche Investitionen in nachhaltige Zukunftstechnologien bei den jetzigen Habenichtsen dieser Welt initiiert. Auf diese Weise könnte etwa die bitterarme Sahelzone innerhalb von 50 Jahren zu einem Hauptexporteur von Wasserstoff für die Brennstoffzellen in europäischen Autos werden.

Eine weltweite Finanzierungsstrategie zur Bewältigung des Klimawandels ist aber auch deswegen nötig, weil selbst die Anpassung an "nur" 2 Grad Celsius zusätzlicher Erderwärmung eine ungeheuere Herausforderung für die Weltgemeinschaft darstellen wird. Vorsichtige Schätzungen geben die jährlichen Kosten der menschgemachten Klimaveränderungen im 21. Jahrhundert mit 100-200 Milliarden Euro an. Wer soll nur diese Zeche bezahlen? Deshalb muß umgehend ein Globaler Anpassungsfonds unter dem Dach der Vereinten Nationen eingerichtet werden, der dieser finanziellen Dimension Rechnung trägt. Die jetzige Flut in Mitteleuropa macht uns schmerzlich bewußt, daß der Staat im Normalbetrieb keine Rücklagen für größere Umweltkatastrophen bildet. Diesen Mangel an Vorsorge können wir uns aber in Zukunft buchstäblich nicht mehr leisten. Zudem sollten sämtliche Stadt-, Regional- und Raumplanungsverfahren mittelfristig auf die sich wandelnden Klimaverhältnisse abgestimmt werden. Beispielsweise müssen Stadtentwässerungssysteme für das "Jahrhundert der Überschwemmungen" neu konzipiert werden.

Aber werden wir tatsächlich etwas aus der "Jahrtausendflut 2002" lernen? Ich erinnere mich lebhaft an zahlreiche Gespräche mit Fachkollegen in tristen Hotellobbies oder Flughafenhallen nach IPCC-Arbeitstreffen irgendwo auf der Welt. Die zentrale Frage dabei war immer wieder, ob Politik und Öffentlichkeit denn irgendwann aufwachen und die ungeheuere Herausforderung der Klimaproblematik erkennen würden. Immer wieder wurde dabei die Meinung geäußert, daß allein gewaltige Katastrophen – z.B. die Verwüstung Manhattans durch einen Hurrikan – die Verantwortlichen aufrütteln könnten.

Nun hat Deutschland eine solche Katastrophe erlebt, aber angesichts der Opfer und Schäden verbietet sich jede Genugtuung des Warners. Zudem wird dieses Ereignis in wenigen Monaten wieder in Vergessenheit geraten und die Argumente der Klimaskeptiker, daß ein Einfluß des Menschen auf das Klima noch nicht hundertprozentig erwiesen sei und man deshalb mit kostspieligen Schutzmaßnahmen tunlichst zuwarten sollte, werden wieder die Oberhand gewinnen. Aber dennoch: die Fachwelt geht geschlossen von einer 80 bis 90- prozentigen Wahrscheinlichkeit dafür aus, daß unsere Zivilisation das Klimasystem massiv beeinflußt und damit unabsehbare Folgen heraufbeschwört.

Weitermachen wie bisher – Business as Usual – ist deshalb wie ein verschärfte Form des Russischen Roulettes, die ich vor einigen Jahren als "Amerikanisches Roulette" bezeichnet habe: Dabei setzt man sich einen sechsschüssigen Revolver, in dessen Trommel nur eine Patrone fehlt, an die Schläfe und drückt ab. Wenn die Menschheit dieses Spiel tatsächlich spielen will, ist sie verrückt ...

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