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Jeder für sich und alle gegen die Zukunft

Entgegen weit verbreiteter Meinung war die Kopenhagener Klimakonferenz im Dezember 2009 kein totaler Fehlschlag: Der „Copenhagen Accord“ richtet die internationale Klimapolitik mit der 2-Grad-Leitplanke zum ersten Mal an einer konkreten Zahl aus und enthält darüber hinaus wichtige Rohelemente für einen umfassenden Weltklimavertrag. Dennoch handelt es sich bei jenem Dokument um einen Minimalkompromiss, der die großen Ziele im Problemdreieck Klima-Energie-Entwicklung in weite Ferne rücken lässt. Die bisher von 76 Staaten angebotenen Maßnahmenpakete übersetzen sich in einen wissenschaftlichen Erwartungswert von 3,5° C für die menschgemachte Erderwärmung bis zum Jahr 2100.

Wenn Individuen oder Gesellschaften mit der Einsicht konfrontiert werden, dass Wünschbarkeit und Machbarkeit eines bedeutsamen Zieles auseinander klaffen, dann antworten sie selten mit verstärkten Bemühungen zur Schließung der wahrgenommenen Lücke. Typischer sind zwei andere Reaktionen: Erstens, man stellt die Sinnhaftigkeit des scheinbar unerreichbaren Zieles in Frage – so wie sich ein abgewiesener Verehrer die Angebetete hässlich redet. Zweitens, man diskreditiert diejenigen, die beharrlich auf die Notwendigkeit der Zielerreichung hinweisen – so wie despotische Herrscher die Überbringer schlechter Nachrichten hinrichten lassen.

Selbst Küchenpsychologen können beide Reaktionen im aktuellen Umgang mit dem Thema Klimawandel erkennen. Zum einen wird politisch in Frage gestellt, ob „Vermeidung“ – sprich Minderung des Treibhausgasausstoßes – die richtige Klimamedizin ist. Statt den mit verursachten Klimawandel begrenzen zu helfen, könnten sich die einzelnen Industrie-Nationen doch auf die Verarbeitung ihrer jeweiligen Klimafolgen konzentrieren, also auf die clevere Behandlung der Symptome unter dem gefälligen Schlagwort „Anpassung“. Dieser durchaus populäre Gedanke ist so alt wie die ganze Klimadebatte, aber nach Kopenhagen wird er wieder lautstark vorgetragen, etwa im jüngeren Gutachten des BMF-Beirats.

Zum anderen scheint man über Nacht zu entdecken, dass die beim Weltklimarat (IPCC) mitarbeitenden Forscher keine Übermenschen im Besitz absoluter Gewissheiten sind und dass in schinkendicken Berichten vereinzelte Schlampigkeiten vorkommen können. Nach Andichtung unzähliger weiterer Fehlleistungen darf man die Kassandras öffentlich schänden und hinrichten. Herausragendes bei diesem neuen Trendsport leistet DER SPIEGEL durch einen kürzlich erschienenen Artikel mit dem sachlichen Titel „Die Wolkenschieber“. Der Beitrag, der offenbar den Klimaforschern mal so richtig auf die unsauberen Finger klopfen will, strotzt pikanterweise vor Fehlern (s.u.). Und seine kalt-voyeuristische Schilderung der seelischen und körperlichen Pein des britischen Professors Phil Jones – den ein Großteil der Medien nach dem Diebstahl seiner privaten Emails als Fälscher vorverurteilt hat – dürfte zu den Tiefpunkten des deutschen „Wissenschaftsjournalismus“ zählen.

Eine sachliche Analyse der Klimadebatte wäre zweifellos weniger unterhaltsam und würde viele Seiten füllen – die der Wissenschaft bei der Zwiesprache mit der Öffentlichkeit nie zur Verfügung stehen. Deshalb möchte ich mich auf zwei entscheidende Defizite konzentrieren, die jene Debatte prägen, nämlich intellektuelle Doppelmoral und Unverständnis für Risikomanagement.

Zunächst einmal ist es richtig, ja sogar wünschenswert, dass die Forschung zum Klimawandel und die IPCC-Berichterstattung darüber auf immer neue Prüfstände kommen: Bei einer großen Zukunftsfrage der Menschheit müssen sachliche Irrtümer auf das absolute Minimum dessen, was die aktuelle Wissenschaft hergibt, begrenzt werden. Allerdings befindet sich der etwa 3000 Seiten starke 4. Sachstandsbericht des Weltklimarats mit seinen an einer Hand abzählbaren Fehlern schon ziemlich nahe an diesem Limit, und eine Reformkommission des Internationalen Akademienrates wird in den nächsten Monaten Vorschläge zur noch besseren Qualitätssicherung erarbeiten. Dies hindert Teile der durch die „Klimaskeptiker“-Szene hocherregten Medien aber nicht daran, der „etablierten Klimaforschung“ Falschaussagen in der Substanz vorzuwerfen. Schulbeispiel für diese Kampagne ist der oben erwähnte SPIEGEL-Artikel: Unter anderem wird dort versucht, einen der staubigsten Ladenhüter im Diskreditierungsgeschäft, nämlich die „Widerlegung“ der sogenannten Hockeyschläger-Kurve der historischen Erderwärmung an die gutgläubigen Informationskunden zu bringen. Ebenso wird dem IPCC theatralisch vorgeworfen, er habe (wissentlich?) eine Fehlwarnung über die Zunahmen von Tropenstürmen in einer wärmeren Welt herausgegeben. Beide Einlassungen sind kompletter Unfug – die Hockeyschläger-Kurve hat allen bisherigen Überprüfungen standgehalten, und der IPCC hat, in Übereinstimmung mit jüngsten Forschungsergebnissen, nicht eine Zunahme der Häufigkeit, sondern der Zerstörungskraft von Tropenstürmen vorhergesagt (wie man etwa bei Stefan Rahmstorfs Klimalounge-Blog nachlesen kann).

Das genau meine ich mit intellektueller Doppelmoral: Während man sich als Gralshüter der objektiven, faktentreuen Wissenschaft aufspielt, schert man sich zugleich einen feuchten Kehricht um die Tatsachen. Oder wäre eine gewissenhafte Recherche zu aufwendig gewesen? Dies erinnert an das verblüffende Wissenschaftsverständnis des Skeptiker-Phantoms EIKE („Europäisches Institut für Klima und Energie“). Dort meint man ja, keine Klimaforscher zu brauchen, da es ohnehin keinen Beweis für den Zusammenhang zwischen CO2 und Erdtemperatur gebe.

Interessanterweise haben die Gegner des Klimaschutzes erst in allerjüngster Zeit begriffen, dass sie vor lauter Hockeyschlägerei versäumten, das Herzstück der internationalen Bemühungen zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen zu attackieren – das bereits erwähnte 2-Grad-Ziel. Diese klimapolitische Orientierungsmarke lässt sich auf vielfältige Weise wissenschaftlich untermauern, aber natürlich nicht mathematisch oder sonstwie „beweisen“. Verschiedene Fachleute haben jedoch z.B. argumentiert, dass während der gesamten Entwicklungsgeschichte des Homo Sapiens nachweislich niemals höhere Temperaturen als „ vorindustrielles Niveau plus 2° C“ geherrscht haben. Dem halten Skeptiker entgegen, dass „der Mensch“ ja schon größere Ausschläge der Erdtemperatur, allerdings nach unten, überlebt hätte – beispielsweise die 5 Grad-Abkühlung der Erde während der letzten Eiszeit. Dieser Einwand ist jedoch praktisch irrelevant, da sich verstreute Sippen von prähistorischen Jägern und Sammlern elastisch mit den jeweiligen Umweltveränderungen im nahezu leeren Naturraum bewegen konnten. Der Übergang zur Sesshaftigkeit während der neolithischen Revolution und die spätere Reifung von Hochkulturen war sogar wohl nur möglich, weil in den letzten 10 000 Jahren die globale Mitteltemperatur nahezu konstant geblieben ist. Heute sind fast sieben Milliarden Menschen landwirtschaftlich, urban und infrastrukturell fest in die Erde eingegraben – zum Beispiel in den Küstenzonen, wo man Meeresspiegelanstiegen im Meterbereich nicht einfach durch Verlagerung der Zivilisation ins Hinterland begegnen kann.

So gesehen ist die 2-Grad-Leitplanke noch zu optimistisch, gerade wenn man sich die spektakuläre Geschwindigkeit des zu erwartenden Klimawandels vor Augen führt. Diese Einschätzung wird gestützt durch eine Vielzahl neuerer Forschungsarbeiten, die sich vor allem mit dem „nichtlinearen“ (also überproportionalen) Anwachsen der Klimafolgeschäden mit fortschreitender Erwärmung befassen. Diesen ernsthaften Versuchen, der Politik einen Kompass für Klimaschutzmaßnahmen an die Hand zu geben, wird nach Kopenhagen verstärkt die bloße Behauptung entgegengestellt, dass eine Anpassung an den ungebremsten Klimawandel so schwierig nicht sei. Belastbare Argumente, insbesondere einschlägige Studien in begutachteten wissenschaftlichen Zeitschriften sucht man vergebens. Mit bestechender intellektueller Doppelmoral wird das anekdotische Schwadronieren einer Minderheit von andersmeinenden Forschern als Grundlage dafür akzeptiert, die ganze Menschheit auf eine Reise ins unbekannte Klimaland zu schicken. 

 Und damit sind wir beim Thema Risikomanagement. Wer das Vorsorgeprinzip über Bord wirft, weil er keine totale Problemgewissheit vorfindet, ist entweder töricht oder verantwortungslos. Die Gegner des vorbeugenden Klimaschutzes möchten doch bitte die folgenden Fragen beantworten: 1. Ab welcher konkreten Risikowahrscheinlichkeit ist praktisches Handeln zwingend geboten? 2. Wann genau wird die Forschung in der Lage sein, diesen Grenzwert exakt anzugeben? 3. Wie sicher kann man sein, dass unser Zivilisationszug bis zu diesem Erleuchtungsmoment nicht schon entscheidende Weichen überfahren hat? Denn in der komplizierten geobiophysikalischen Maschinerie des Erdsystems wimmelt es von sogenannten Totzeiten, d.h. verzögerten - aber weitgehend unumkehrbaren – Antworten auf Störungen des Naturhaushaltes. Gerade jenseits der 2-Grad-Leitplanke dürften sich etliche dieser unangenehmer Überraschungen verstecken.

Die drei gestellten Fragen sind meines Wissens bisher von niemandem zufriedenstellend beantwortet worden – doch angesichts der vielfältigen wissenschaftlichen Hinweise auf die Risiken der fortschreitenden Erderwärmung liegt die Beweislast nun eindeutig bei den Propagandisten der unterlassenen Treibhausgasabrüstung! Leider haben sie außer tiefgrauer Literatur wenig anzubieten. Trotzdem liebäugeln heute viele Entscheidungsträger damit, die rationale Doppelstrategie von Vermeidung und Anpassung – „Das Unbeherrschbare vermeiden und das Unvermeidbare beherrschen“ - einseitig zugunsten einer reinen Reparaturpolitik aufzugeben. Insbesondere wird argumentiert, dass nationale Anpassungsmaßnahmen auch nationalen Nutzen stiften, während nationale Emissionsbeschränkungen nur Trittbrettfahrern in den Schwellen- und Entwicklungsländern zugute kämen. Abgesehen davon, dass die wirtschaftswissenschaftliche Analyse der Problematik öffentlicher Güter (wie der Erdatmosphäre) schon lange über solche simplizistischen Gedankengänge hinausgewachsen ist, welche Zukunft haben die einschlägigen Stichwortgeber eigentlich vor Augen? Glauben sie wirklich, dass man in einer sozioökonomisch unendlich vernetzten Welt nationale Zitadellen der Klimasicherheit errichten und gegen die weniger privilegierten Umweltflüchtlinge aus den Entwicklungsländern verteidigen kann? Oder gar, dass man in einem Anpassungswettrüsten Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien – also Weltmächte von morgen  – auf die Emissionsknie zwingen kann?

Wer sich solchen Illusionen hingibt, spielt ein gefährliches und zugleich unmoralisches Spiel: Wenn jedes Land, ungeachtet seiner historischen Verantwortung bei der Belastung der Atmosphäre, nur noch an sich denkt, werden sich gefährliche Spannungen unbeherrschbarer Dimensionen aufbauen und schließlich entladen. Verlieren dürften dabei alle, insbesondere aber die jungen bzw. noch nicht geborenen Menschen, denen gerade eine lebenswerte Zukunft abhanden zu kommen droht.

Zum guten Risikomanagement gehört übrigens auch das Erkennen der Chancen, die mit dem Einhegen von Gefahren verbunden sind. Und dass die rasche Dekarbonisierung der Weltgesellschaft eine Dreifachgewinn-Option ist, liegt auf der Hand: Der weitgehende Ausstieg aus den zur Neige gehenden fossilen Brennstoffen bis zur Jahrhundertmitte würde erstens entscheidend zur Klimastabilisierung beitragen, zweitens den unvermeidlichen Übergang zu einer hocheffizient-nachhaltigen Energieversorgung aus Sonne, Wind und Wellen leisten und drittens vielen Entwicklungsländern das direkte Überspringen von „schmutzigen“ Industrialisierungsphasen ermöglichen - und sie dadurch gerade für Deutschland zu interessanten Partnern und Märkten im 21. Jahrhundert machen. Der Klimaschutz-Avantgarde bietet sich also die Chance, sowohl verantwortlich zu handeln – die Bewahrung der Schöpfung kann dabei durchaus als Richtlinie dienen – als auch den eigenen Wohlstand langfristig zu mehren. Keine schlechten Aussichten für Vorreiter…

 

Die Autoren:

Professor Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung,

Professor Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen,

Professor Renate Schubert ist Direktorin des Instituts für Umweltentscheidungen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich


Eine kürzere Fassung des Artikels wurde in DIE ZEIT (“2 Grad und nicht mehr”, 15. April 2010, Nr. 16) veröffentlicht.

 

 

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