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Klimaforscher Ramanathan: Luftverschmutzung verzögert Erderwärmung

05.11.2008 - Der renommierte Atmosphären- und Klimawissenschaftler Veerabhadran Ramanathan von der University of California in San Diego hat kürzlich am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung seine Forschung über die Klimaeffekte von Luftverschmutzung vorgestellt. Danach könnte ein Anstieg der globalen Mitteltemperatur um mehr als zwei Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau bislang nur durch einen braunen Verschmutzungsschleier verhindert worden sein.
Klimaforscher Ramanathan: Luftverschmutzung verzögert Erderwärmung

PIK Direktor Schellnhuber (links) und Ramanathan bei seinem Besuch am PIK. Foto: M. Lüdecke

Nach einer aktuellen Studie Ramanathans [Abstract: Ramanathan & Feng 2008] haben die durch den Menschen bereits in die Atmosphäre abgegebenen Treibhausgase das Potenzial, die Durchschnittstemperatur der Erde um 2,4 Grad Celsius gegenüber vorindustriellem Niveau anzuheben. Das Ziel der Europäischen Union, die Schwelle von zwei Grad nicht zu überschreiten, um gefährlichen Klimawandel zu vermeiden, könnte demnach bereits verfehlt worden sein. Abweichend von dieser Einschätzung hatte Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des PIK, in einem im Fachmagazin PNAS veröffentlichten Kommentar zu Ramanathans Studie dargelegt, dass die globale Erwärmung unter optimalen Bedingungen noch unter zwei Grad gehalten werden könnte [Extract: Schellnhuber 2008].

Dass die Erwärmung noch nicht in vollem Umfang eingetreten ist, sei auf den abkühlenden Effekt eines braunen Verschmutzungsschleiers in der Erdatmosphäre zurückzuführen, der sie maskiere, erläuterte Ramanathan. Die Schwebepartikel stammen etwa von Brandrodungen, industriellen und Verkehrs-Abgasen oder auch natürlichen Quellen. Auf Maßnahmen zur Luftreinhaltung zu verzichten, um den kühlenden Effekt des Schmutzschleiers aufrecht zu erhalten, sei laut Ramanathan aber keine Option. Denn es gebe nicht nur kühlende Schmutzpartikel, die Sonnenstrahlung ins All reflektieren, sondern auch dunkle Partikel, vor allem Ruß, die die Strahlung absorbieren und die Luft erwärmen. Zudem würde dadurch weiterhin die Gesundheit von Menschen gefährdet, die der Luftverschmutzung ausgesetzt seien. Wie es sich auswirken könnte, gezielt Schwebestoffe, so genannte Aerosole, in die Atmosphäre einzubringen, um den kühlenden Effekt zu verstärken, sei wissenschaftlich noch nicht abzuschätzen, sagte Ramanathan.

Ein Forscherteam um Ramanathan hat kürzlich auch nachgewiesen, dass Rußpartikel die Gletscherschmelze im Himalaya beschleunigen. Sie färben das Eis grau, wodurch es mehr Sonnenlicht aufnimmt und schneller schmilzt.

Die Dringlichkeit, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken, sei angesichts der Maskierung der globalen Erwärmung sogar viel größer als bislang angenommen, folgert Ramanathan. Denn sobald die kühlenden und in der Atmosphäre äußerst kurzlebigen, Partikel durch verstärkte Luftreinhaltungsmaßnahmen plötzlich wegfielen, würde die Erderwärmung rasch in dem Umfang eintreten, der durch den bisherigen Ausstoß von Treibhausgasen tatsächlich zu erwarten sei.

Ramanathan sprach sich für ein Programm aus, den Ausstoß dunkler Partikel weltweit stark zu reduzieren und dadurch die weitere Erwärmung zu verlangsamen. Auf diese Weise könne man dem Planeten zehn bis zwanzig Jahre Zeit kaufen, während man den Ausstoß der Treibhausgase senke.

In einem Forschungsprojekt, das Ramanathan leitet, werden in Gemeinden Asiens „saubere“ Kochgelegenheiten eingeführt und wissenschaftlich ermittelt, welche Klimaeffekte hiervon ausgehen. Das Kochen mit Dung, Biomasse oder Holzkohle sei in Indien und anderen Entwicklungsländern eine der Hauptquellen der den Treibhauseffekt verstärkenden Rußpartikel und zudem Ursache schwerwiegender gesundheitlicher Leiden, da häufig in geschlossenen Räumen gekocht werde, erklärte Ramanathan.

Um zu erforschen, was in der Atmosphäre passiert, wenn in einer dicht bevölkerten Region wesentliche Quellen für Luftverschmutzung stillgelegt werden, führte Ramanathan während der Olympischen Spiele in Peking umfangreiche Messungen durch. Die Auswertung werde noch etwa ein Jahr dauern, auf die Ergebnisse darf man aber schon jetzt gespannt sein.

Ramanathan befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Klimawandel. Schon 1980 sagte er, dass sich die Effekte des anthropogenen Ausstoßes von CO2 und anderen Treibhausgasen im Jahr 2000 deutlich abzeichnen würden.


Quellen und weiterführende Links:

http://www.pik-potsdam.de/aktuelles/archiv/aktuelle/201ezoegern-im-klimaschutz-unverantwortlich201c

[Ramanathan & Feng 2008] V. Ramanathan and Y. Feng. On avoiding dangerous anthropogenic interference with the climate system: Formidable challenges ahead. PNAS 105(38): 14245-14250. URL: http://www.pnas.org/content/105/38/14245.abstract

[Schellnhuber 2008] H.J. Schellnhuber. Global warming: Stop worrying, start panicking? PNAS 105(38): 14239-14240
URL: http://www.pnas.org/content/105/38/14239.extract

Project Surya: Reduction of Air Pollution and Global Warming by Cooking with Renewable Sources
URL: http://www-ramanathan.ucsd.edu/ProjectSurya.html

IPCC Fourth Assessment Report: Climate Change 2007
URL: http://www.ipcc.ch/ipccreports/assessments-reports.htm

WHO Fact Sheet Air quality and health
URL: http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs313/en/index.html

 

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